Ein Bauer, der seinen Feierabend verpasst

Die Sache ist gelaufen, der Prozess zu Ende, das Urteil gefällt: Kreuzigung des Wanderpredigers Jesus aus Nazareth. Der aufgehetzte Mob der Straße hat mit seinen Sprechchören die Wende in diesem Schauprozess erzwungen: Barabbas, der Terrorist, wird freigepresst; Jesus, der König der Wahrheit, zum Tode verurteilt. Die Sache ist gelaufen. Da gibt es keinen Aufschub mehr, keine Hoffnung auf Amnestie.

Nun nimmt alles seinen Lauf. Das römische Hinrichtungskommando übernimmt den Todeskandidaten und treibt ihn hinaus vor die Tore der Stadt Jerusalem, zum Totenkopfhügel Golgatha.

Doch unterwegs - da läuft nicht alles nach Plan. Der Mann mit dem Querbalken des Kreuzes auf dem Rücken kann nicht mehr laufen. Geschwächt von der Tortur der Geißelung, bricht er zusammen. Der vielen half, liegt jetzt hilflos am Boden, hoffnungslos allein. Seine Weggefährten sind alle ihrer Wege gegangen. Keiner ist da, der ihm aufhilft. Die Passanten stehen dabei, aber sie stehen ihm nicht bei. Schmerzliche Erfahrung bis heute. Die römischen Soldaten greifen ein. Sie greifen sich einen, der zufällig des Weges kommt. Er kommt vom Feld und ist auf dem Heimweg, nach getaner Arbeit den wohlverdienten Feierabend vor sich. Doch daraus wird nichts. Sein Weg wird durchkreuzt, kein Heimweg, sondern ein Kreuzweg. Nicht freiwillig, aus Mitleid und Hilfsbereitschaft geht er ihn. Er wird von den Soldaten gezwungen, das Kreuz von Jesus zu übernehmen und es ihm nachzutragen, hinaus zur Hinrichtungsstätte - ein langer, stummer Weg, an der Seite des Todgeweihten, mit seinem Kreuz auf dem Rücken.

Eine belanglose Begebenheit am Rande der Leidensgeschichte Jesu, so scheint es (nachzulesen bei Markus 15,21) - nicht der Rede wert? Die christliche Gemeinde hat sie aufbewahrt, den Namen des Mannes überliefert, und das mit gutem Grund: Simon aus Kyrene, dieser aus Nordafrika stammende Jude, wird Christ. Seine Söhne Alexander und Rufus sind in der Gemeinde bekannt.

Simon, der Jesus im buchstäblichen Sinn das Kreuz nachgetragen hat, wird selbst zum Nachfolger des Gekreuzigten. Nicht Jesu vollmächtiger Ruf hat ihn zur Nachfolge geführt. Jesu ohnmächtiges Leiden hat sein Herz bewegt, ihm das Geheimnis seiner göttlichen Vollmacht enthüllt und seinem Leben eine neue Orientierung gegeben.

Der durchkreuzte Weg wird zum Segensweg. Was unfreiwillig begann, führt zur Lebenswende.

Solche überraschenden Möglichkeiten hält Gott bis heute bereit. Das Jahr mit der Bibel ist eine Gelegenheit, sie für sich und mit anderen zu entdecken.

Pfarrer i.R. Ronald Sporn, Neustadt


Makrus 15, 20-41

Jesu Kreuzigung und Tod

15,20 Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Purpurmantel aus und zogen ihm seine Kleider an. Und sie führten ihn hinaus, dass sie ihn kreuzigten. 15,21 Und zwangen einen, der vorüberging, mit Namen Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage. 15,22 Und sie brachten ihn zu der Stätte Golgatha, das heißt übersetzt: Schädelstätte. 15,23 Und sie gaben ihm Myrrhe in Wein zu trinken; aber er nahm's nicht. 15,24 Und sie kreuzigten ihn. Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los, wer was bekommen solle. 15,25 Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten. 15,26 Und es stand über ihm geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: Der König der Juden. 15,27 Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken. 15,28 [Vers existiert nicht.] 15,29 Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, 15,30 hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz! 15,31 Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen. 15,32 Ist er der Christus, der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben. Und die mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch. 15,33 Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. 15,34 Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? 15,35 Und einige, die dabeistanden, als sie das hörten, sprachen sie: Siehe, er ruft den Elia. 15,36 Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme! 15,37 Aber Jesus schrie laut und verschied. 15,38 Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. 15,39 Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen! 15,40 Und es waren auch Frauen da, die von ferne zuschauten, unter ihnen Maria von Magdala und Maria, die Mutter Jakobus' des Kleinen und des Joses, und Salome, 15,41 die ihm nachgefolgt waren, als er in Galiläa war, und ihm gedient hatten, und viele andere Frauen, die mit ihm hinauf nach Jerusalem gegangen waren.


Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. Revidierter Text 1984
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   zuletzt aktualisiert am: 07.08.2006