Ein Betrüger, der sein Geld verschenkt

Zuerst ein paar Zeilen voll mit Ärger eines Freundes über Zöllner heute: "Sollte nämlich jemand die Frechheit besitzen, im EU-Recht nicht Bescheid zu wissen, der wird am ausgestreckten Arm der Zöllner verhungern! So ging es mir, wußte ich doch wirklich nicht, was der T1 ist. Und das muss man doch schließlich aus dem FF kennen! Ich jedenfalls wußte es nicht. In meinem Leichtsinn habe ich doch wirklich erwartet, dass mir jemand kurz erklärt was das ist und wie ich da ran komme. Weit gefehlt - wehe du störst Zöllner beim Kaffeetrinken - denn sie können knurren und beißen und dich voll im Regen stehen lassen - um dann genüßlich ihren Kaffee zu trinken (übrigens Kaffeetrinken dauert mindestens 1 Stunde und das zu viert und zu Kaffeetrinken ungewöhnlicher Zeit!)." - Multiplizieren Sie diesen Ärger mit einer zweistelligen Zahl und stellen sich vor, Sie haben sehr oft damit zu tun, dann wissen Sie ungefähr, wie unbeliebt der heute vorzustellende Zöllner Zachäus aus der Bibel gewesen ist. Die damalige Besatzungsmacht der Römer verkaufte das Zollrecht für bestimmte Gebiete an den Meistbietenden und ließen diesen für sie abkassieren: Brückenzölle, Wegezölle, Stadtzölle - die Kreativität in diesen Dingen ist uns ja nicht fremd. Zachäus war sogar ein Oberzöllner. In den Augen des Volkes war er in zweifacher Hinsicht untragbar: Er kollaborierte mit den heidnischen Eroberern - war also ein Verräter. Und er betrog seine eigenen Leute, denn es wurde schon mal hier und da kräftiger zugelangt von den Zöllnern als nötig. So braucht es nicht zu wundern, wenn Zöllner in einem Atemzug mit allen, die ethisch total schief lagen, genannt wurden.

Der Zöllner Zachäus hatte Geld und Macht. Er war in der Mitte seines Lebens angelangt und hatte Karriere gemacht. Er hatte ein paar Kollegen, Geschäftspartner. Aber hatte er Freunde? Und war das überhaupt alles? Hochgeboxt und nun? Es wird erzählt, daß er klein war. Hatte er es den anderen beweisen wollen? Jetzt hatte er es ihnen bewiesen und konnte abzocken wie er wollte. Aber hatte er sich dabei nicht selber um wichtiges gebracht; war er nicht selber der Abgezockte, ungewollt, Ironie des Schicksals? Nicht, daß wir ihn jetzt doch noch bedauern wollen. Er bleibt ein gemeiner Verräter und Betrüger unter dem Schutz der Gesetze. Der Ärger der Leute war berechtigt. Aber lassen Sie uns einen Augenblick nachdenken: Wie geht es Ihnen in der Lebensmitte? Mancher würde vielleicht sogar auf ein paar Freunde verzichten und ein bißchen Ärger in Kauf nehmen für Geld, Einfluß und Ansehen und eine steile Karriere, auf die man zurückblicken kann. Mit viel Geld auf dem Konto läßt es sich leicht über den Sinn des Lebens philosophieren. Sind wir jedoch ehrlich vor uns selber müssen wir uns eingestehen, wir wollen nicht nur Bestätigung auf Grund von Erfolg. Es geht um mehr. Wir wollen durch unsere Umgebung umfassend, uneingeschränkt, ohne Bedingungen akzeptiert werden.

Zachäus jedenfalls war neugierig und suchend. Und als er von dem Wanderprediger Jesus hörte, der in die Stadt kommen sollte, wollte er ihn sehen und hören. Nur daß jetzt die Leute des Volkes ihre Macht ausspielten und den kleinen verhaßten Mann nicht nach vorne an den Weg ließen. Zachäus stieg deshalb auf einen Baum. Und jetzt passiert es: Jesus kommt dort vorbei, bleibt stehen, schaut zu Zachäus herauf und sagt: "Zachäus, komm schnell runter! Heute möchte ich zu dir nach Hause kommen." Die Empörung der Massen hielt Zachäus nicht davon ab, zu tun, was Jesus gesagt hatte und er nahm ihn in sein Haus auf und sorgte hocherfreut für seinen Gast. Er nutzte die Chance und versprach, in Zukunft ehrlich zu arbeiten und Geprellte zu entschädigen. Jesus war ihm vorurteilslos und mit einer bedingungslosen Liebe begegnet. Diese Erfahrung hatte ihm die Kraft zur Veränderung in der Lebensmitte gegeben. Jesus: "Heute ist diesem Hause Heil widerfahren."

Prediger Karsten Hellwig, Landeskirchliche Gemeinschaft Falkenstein


Lukas 19.1-10

Zachäus

19,1 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 19,2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 19,3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 19,4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. 19,5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muß heute in deinem Haus einkehren. 19,6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. 19,7 Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. 19,8 Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. 19,9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. 19,10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.


Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. Revidierter Text 1984
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   zuletzt aktualisiert am: 07.08.2006