Ein Minister, der in der Bibel liest

"Verstehst du auch, was du da liest?" An einen Finanzminister gerichtet, klingt die Frage einigermaßen unhöflich. Gestellt wurde sie allerdings weder von einem angriffslustigen Oppositionspolitiker noch von einem wütenden Steuerzahler. Der Mann, der diese Frage stellte, war Philippus, ein christlicher Wanderprediger im ersten Jahrhundert n. Chr. Wie sein Gegenüber hieß, wissen wir nicht.

Der biblische Historiker Lukas berichtet in seiner "Apostelgeschichte" von der Reise eines Finanzministers nach Jerusalem (Kapitel 8, ab Vers 26). Das Gebiet, aus dem dieser Mann kam, liegt heute im Sudan zwischen Assuan und Khartum, wurde damals aber Äthiopien genannt. Obwohl er kein Anhänger des jüdischen Glaubens war, nahm er den Weg von ca. 2000 Kilometern auf sich, um mehr über diesen Glauben zu erfahren. Das Pikante an dieser Reise war, dass er nach den offiziellen Bestimmungen gar keinen Zutritt zum Gottesdienst hätte bekommen dürfen. Er war nämlich, wie viele orientalische Hofbeamte damals, ein Eunuch und galt daher den Juden als unrein. Weil er aber mehr über Gott wissen wollte, ließ er sich davon offenbar nicht beeindrucken. Ja, es gelang ihm sogar, eine Schriftrolle aus dem Alten Testament zu erwerben, für einen Nichtjuden zweifellos ein schwieriges und ganz sicher auch teures Unterfangen.

Jetzt war er in seinem Wagen auf dem Rückweg und las in dieser Schriftrolle, dem Buch des Propheten Jesaja. Er las laut, so wie es damals üblich war. Aber er verstand nichts, es kam ihm alles Spanisch vor. Er vertiefte sich von neuem in den Text, und so bemerkte er den Mann am Straßenrand gar nicht. Philippus aber sprach ihn an: "Verstehst du auch, was du da liest?" Der Minister fand die Frage gar nicht unhöflich. "Ich würde gern, aber ich kann nicht. Hilf mir doch zu verstehen." Philippus setzte sich zu ihm in den Wagen und erklärte ihm den Abschnitt, den er gerade las. Es entstand ein langes Gespräch, an dessen Ende für den Minister fest stand: 'Dieser Glaube, von dem dieses Buch spricht, überzeugt mich.' Er ließ sich taufen und wurde Christ.

Philippus und der Finanzminister - beide Figuren haben bis heute immer wieder Sympathisanten gefunden: Manche fühlten sich selbst in ihrem Fragen und Suchen nach Gott verstanden. Andere mühten sich mit Philippus von ihrem Glauben so zu sprechen, dass auch Außenstehende folgen konnten. Die meisten aber entdeckten sich in beiden wieder: Als Fragende und Antwortende zugleich. Das Jahr der Bibel bietet viele Möglichkeiten, sich an diesem Dialog zu beteiligen.

Thomas Knittel
Pfarrer in der Ev.-Luth. Kirchgemeinde Falkenstein


Apostelgeschichte 8, 26-40

Der Kämmerer aus Äthiopien

8,26 Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. 8,27 Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. 8,28 Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.

8,29 Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! 8,30 Da lief Philippus hin und hörte, daß er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? 8,31 Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. 8,32 Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7-8):

»Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. 8,33 In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.«

8,34 Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? 8,35 Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.

8,36 Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert's, daß ich mich taufen lasse? 8,38 Und er ließ den Wagen halten, und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. 8,39 Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.

8,40 Philippus aber fand sich in Aschdod wieder und zog umher und predigte in allen Städten das Evangelium, bis er nach Cäsarea kam.


Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. Revidierter Text 1984
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   zuletzt aktualisiert am: 20.11.2006