Ein Lehrer,der zum Schüler wird
Vor einigen Jahren durfte ich eine Gruppe von Jugendlichen, die gerade ihren Abschluß der 10. Klasse geschafft hatten, in einem berufsvorbereitenden Jahr als sogenannter Praktikanturleiter für einige Monate begleiten. Die 12 männlichen Jugendlichen wollten alle Krankenpfleger werden und sollten in diesem Jahr praktisch und auch ein bisschen fachtheoretisch an die sich im folgenden Jahr anschließende Berufsausbildung herangeführt werden. Am Tag arbeiteten die Jugendlichen an verschiedenen Stellen im Altenpflegeheim und am späten Nachmittag kamen sie in einem kleinen Wohninternat, der sogenannten Praktikantur zusammen. Dort spielte sich der Rest des Tages ab. Für diese Zeit bis nach dem gemeinsamen Frühstück am folgenden Tag war ich dann ihr verantwortlicher Ansprechpartner. Ich kann Ihnen sagen, gerade in der ersten Zeit war dies eine unglaublich spannende und manchmal auch spannungsgeladene Aufgabe. Ich selbst war Neuling auf diesem Gebiet und musste mich erst an die Aufgabe herantasten. Eine derart zufällig entstandene Gruppe irgendwie so zu begleiten, dass daraus eine gute Gemeinschaft wird, war gar nicht so leicht, denn ich hatte ja vor mir Jugendliche, von denen jeder eine andere Vorstellung von dem hatte, was jetzt in diesem Jahr geschehen sollte, wenn überhaupt.... Die meisten wussten zu Beginn dieser Zeit zunächst einmal eher, was sie nicht wollten, nämlich vor allem nicht belehrt, gegängelt und in ihrem Drang nach Freiheit eingeschränkt werden. Da hatte ich natürlich zunächst erst einmal keine so guten Karten bei diesen Praktikanten, wenn ich für Tischdienst, Abwaschdienst, Stubendienst, usw. einen Plan aufstellen wollte. Und das Thema einer allgemeinen Hausordnung mit festgelegten Tageszeiten, ganz abgesehen von solchen Begriffen wie freie Tage oder nächtliche Ausgangszeiten kamen bei den Jugendlichen erwartungsgemäß gar nicht gut an.
So war es auch nicht verwunderlich, dass einer der Jugendlichen, als er hörte, dass es da sogar Tage gäbe, an denen schulischer Unterricht (u.a. mit Fachmathematik ) stattfinden würde, dass er da ganz im Sinne der anderen in einer Mischung aus Wut und Verzweiflung aufstöhnte und sagte: "Jetzt hatte ich gedacht, dass dieser Stress mit der Schule und den Eltern endlich vorbei ist, und jetzt geht das wieder los, so eine schöne....!"
Keiner aus der Gruppe widersprach ihm und ich war damit geflühlsmäßig für die Jugendlichen zunächst mal auf die Seite ihrer Eltern und Lehrer gerutscht, die ihrer Meinung nach alles, was schön war, verboten oder eingeschränkt hatten, und vor deren gestrengem Zugriff sie sich bisher hier in Sicherheit gewähnt hatten.
Zum Glück habe ich zu diesen Jugendlichen doch bald wieder ein menschlich sehr gutes Verhältnis bekommen und mir hat die Zeit dort mehr und mehr Freude bereitet. Trotzdem habe ich auch miterleben müssen, wie schwer es einigen Jugendlichen fiel, zu akzeptieren, dass sie noch sehr viel lernen müssen und dass es mit dem nicht gerade geliebten Lernen noch lange kein Ende haben wird.
Allerdings trifft man eine derartige "Lernmüdigkeit" gar nicht nur bei jugendlichen Schulabgängern an, sondern sie scheint meines Erachtens in unserer Gesellschaft allgemein verbreitet, sonst müssten sich doch die Volkshochschulen vor Schülern gar nicht mehr retten können, müsste das Bildungsfernsehen und nicht das Unterhaltungsfernsehen Hochkonjunktur haben, würden thematische Vorträge zumindest genau so viele Menschen anziehen wie Volksmusik- oder Rockkonzerte, usw. ...
Ähnliches kann man auch in unseren Kirchgemeinden bei den verschiedenen Angeboten und deren Nutzung beobachten. Es scheint eine ganze Reihe von Menschen zu geben, die wohl meinen, dass das, was sie einmal in der Schule und im Religionsunterricht gelernt haben, für das Leben reicht, dass sie damit alles Wichtige im "Kasten" hätten. Zumindest im Bereich der Berufsbildung hat man längst erkannt, dass es so nicht funktioniert. Ohne Weiterbildung, ohne Bereitschaft zum Lernen herrscht Stillstand und Stillstand ist tödlich.
Erst recht gilt das für viele zwischenmenschliche Bereiche und ganz sicher auch in der Religion. Glaube ist niemals Stillstand, weil der Glaube ein Weg ist. Es heißt, Jesus ruft seine Jünger auf den Weg der Nachfolge, da ist Stillstand genau so gefährlich. Glaubende sind immer Suchende nach dem Weg zu Gott in einer sich ständig wandelnden Welt. Gott und seine Wege in dieser Welt lassen sich wirklich finden. Wer aber schon nicht mehr sucht, kann Gott und seine Wege nicht finden. Zum Suchenden gehört einerseits das Eingeständnis, dass man eben noch lange nicht alles Wichtige "im Kasten" hat, und Gott erst recht nicht, und andererseits braucht es Neugier, verbunden mit der Bereitschaft zum Weiterlernen. Dann wird sogar ein Lehrer wieder zum Schüler, und das ist keine Schande, sondern notwendig, um keinen Stillstand zu haben.
Darum ziehe ich meinen Hut vor jenem Mann namens Nikodemus, der uns in der Bibel im Johannesevangelium (Kap. 3,1-21) als ein sehr anerkannter Lehrer begegnet, weil er sich als sogenannter Schriftgelehrter hervorragend in der Bibel auskennt, aber dennoch immer ein Suchender Mensch geblieben ist. Als er Jesus begegnet, wird er selbst noch einmal zum Schüler. Seine Neugier auf Jesus und seine Lehre eröffnen ihm völlig neue Horizonte über das Verhältnis von Gott und Welt: Auf die Frage, wie man das ewige Leben erlangen kann, erfährt er von Jesus, dass es gar nicht so wichtig ist, was der Mensch dafür alles tut, sondern dass es vielmehr darauf ankommt, was Gott am Menschen tut. Noch auf vieles andere, worauf es wirklich ankommt, weist ihn Jesus hin. Und obwohl er dadurch noch nicht gleich zu einem Jünger Jesu wird, hat dieses Gespräch bei Nikodemus einen sehr tiefen Eindruck hinterlassen. Jedenfalls hat er später einmal Jesus vor dem Gericht des Hohen Rates verteidigt; und als Jesus nach seinem Tod am Kreuz ins Grab gelegt wurde, kam Nikodemus dazu und brachte reichlich Salben um den Leichnam entsprechend dem damaligen Brauchtum einzubalsamieren. Dazu gehörte nicht nur eine ganze Menge Mut, sondern es zeigt auch, wie dieser Nikodemus Jesus immer noch als den höchsten Lehrer, der von Gott kommt, verehrte.
Am besten, Sie lesen das alles selbst einmal nach im Evangelium des Johannes 3,1-21, schließlich haben wir ja das Jahr der Bibel und lassen Sie sich genauso überraschen wie Nikodemus. Dazu, aber nicht nur dazu wünscht Ihnen viel Freude,
Johannes 3,1-21
Jesus und Nikodemus
3,1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. 3,2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. 3,3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. 3,4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? 3,5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. 3,6 Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. 3,7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. 3,8 Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist. 3,9 Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie kann dies geschehen? 3,10 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bist du Israels Lehrer und weißt das nicht? 3,11 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben; ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. 3,12 Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sage? 3,13 Und niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn. 3,14 Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, 3,15 damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. 3,16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. 3,17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. 3,18 Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. 3,19 Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. 3,20 Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. 3,21 Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. Revidierter Text 1984
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