Lies dich fit - Einführung zum Brief an die Hebräer
1. Über die Entstehung des Hebräerbriefes lässt sich wenig sagen. Er wurde von einem unbekannten Verfasser im letzten Drittel des 1. Jahrhunderts n. Chr. geschrieben. Deutlich ist lediglich, dass der Verfasser mit jüdischer Bildung vertraut ist und sich im Alten Testament bestens auskennt. Seine Wurzeln hatte der Verfasser wohl im außerpalästinischen Judentum, wofür auch seine enge Vertrautheit mit der griechischen Sprache spricht. Eventuell ist der Brief in Rom entstanden, wofür Heb 13,24 sprechen könnte.
2. Der Heb hat keine typische Briefeinleitung und lässt nicht erkennen, an wen genau er geschrieben worden ist. Man kann nur aus dem Inhalt erschließen, dass der Verfasser sich an Christen wendet, die im Glauben müde und wankend geworden sind (siehe z.B. Heb 12,12). Der Brief wird als "Wort der Ermahnung" charakterisiert (13,22, wobei das griechische Wort für "Ermahnung" zugleich "Trost" bedeutet). Er will den Christen von neuem die Einzigartigkeit der Erlösung durch Christus vor Augen führen und sie vor dem Abfall warnen.
3. Unter ständigem Rückgriff auf das Alte Testament schildert der Verfasser die Einzigartigkeit Jesu Christi. Er ist den Engeln überlegen (Kap. 1), er ist höher als Mose (Kap. 3), und er ist der wahre (weil sündlose) Hohepriester (Kap. 4-5 und 7). Aufgrund seiner Sündlosigkeit konnte Christus zum Vermittler eines neuen Bundes zwischen Gott und Mensch werden, indem sich selbst "ein für allemal" (7,27) zum Opfer gemacht hat. Diesen neuen Bund stellt der Verfasser dem alttestamentlichen Bund gegenüber und hebt hervor, dass letzterer nur ein "Schatten" des Zukünftigen war (10,1).
4. Indem der Verfasser die Einzigartigkeit Christi und seines Erlösungswerkes betont, fordert er die Christen zum Festhalten am Bekenntnis zu Christus auf (10,23: Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung; 13,8: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit). Als Vorbilder im Glauben führt er eine ganze Reihe von Personen aus dem Alten Testament vor Augen, diesen Glaubenszeugen des Alten Bundes sollen die Christen nacheifern: "lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens" (12,1-2). Von diesem einmal eingeschlagenen Weg wieder abzufallen käme hingegen einer zweiten Kreuzigung Christi gleich (6,6), weswegen eine zweite Buße (also eine Rückkehr zu Gott nach dem Abfall vom Glauben) ausgeschlossen wird.
5. Diese Stelle war in der Auslegungsgeschichte umstritten. Bestimmte christliche Gruppen verstanden sie so, dass Menschen, die der Kirche den Rücken gekehrt haben, nicht wieder aufgenommen werden dürfen. Dies ist aber ein Missverständnis. Denn bedenkt man, dass auch die Christen Sünder bleiben (siehe z. B. 1. Johannesbrief 1,8), so wird deutlich, dass die Trennlinie zwischen Sünde und Abfall vom Glauben nur schwer zu ziehen ist. Uns Menschen steht dies nicht zu, daher können nach den Ordnungen unserer Kirche Menschen, die ausgetreten sind, wieder aufgenommen werden, wenn sie ihren Schritt ehrlichen Herzens bereuen. Heb 6,4-6 bezieht sich nicht zuerst auf den Umgang mit Christen, die ihren Glauben aufgegeben haben. Die Stelle will vielmehr diejenigen, die im Glauben stehen, davor warnen, das einmalige Opfer Jesu durch Glaubensträgheit und "Erlösungsvergessenheit" in Frage zu stellen. Der Verfasser des Heb will seinen Lesern damit keine Angst machen und sie auch nicht zu höheren Glaubensleistungen auffordern, sondern er will sie gerade an die bereits geschehene Erlösung erinnern. Ich verstehe diese Mahnung so, dass er sagen will: Wenn wir uns als Erlöste nicht mehr wie Erlöste fühlen, dann bringen wir im Grunde damit zum Ausdruck, dass wir keine Erlösung brauchen. Daher ist es für die Erlösten wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen: ich bin erlöst (siehe auch 6,9: "obwohl wir aber so reden, ihr Lieben, sind wir doch überzeugt, dass es besser mit euch steht und ihr gerettet werdet.").
Einführung zu: Evangelien, Matthäus, Markus, Lukas, Apostelgeschichte Römer, 1. Korinther, 2. Korinther, Galater, Philipper, Kolosser, Thessalonicher, Timotheus, Titus, Philemon, Johannes, Hebräer, Jakobus, Judas, Offenbarung

