Lies dich fit - Einführung zum Brief des Paulus an die Kolosser

1. Die christliche Gemeinde in Kolossä (heute in der Türkei gelegen) wurde wohl durch einen gewissen Epaphras gegründet, der in Kol 1,7 und 4,12-13 erwähnt wird. Wie Kol 4,13-16 vermuten lässt, war der Brief nicht allein an die Christen der Stadt Kolossä gerichtet, sondern auch an benachbarte Orte (Laodizea und Hierapolis).

2. Anlass für das Schreiben bot das Auftreten von Irrlehren, die die Einhaltung bestimmter heiligen Zeiten (Feste, Sabbat, Neumonde) und bestimmter Speisevorschriften forderten. Weiterhin forderten sie die Beschneidung auch für nichtjüdische Christen, die Verehrung der Engel und die Beobachtung der Elemente und Himmelsgestirne, die nach der damals verbreiteten Meinung das Leben der Menschen beeinflussten. Diese "Philosophie", wie jene Lehre in Kol 2,8 genannt wird, stellte eine Mischung aus verschiedenen religiösen Strömungen der damaligen Zeit dar.

3. Paulus (bzw. einer seiner Schüler, siehe unten) widerlegt diese Lehren mit dem Hinweis auf die allumfassende Herrschaft Jesu Christi. Er steht über den Mächten und Gewalten dieser Welt (siehe z.B. Kol 2,20), sie alle sind seine Geschöpfe (1,16) und durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung hat er sie sich endgültig unterworfen (2,12-15 und 2,20). Christus ist auch das Oberhaupt der christlichen Gemeinde, die (ähnlich wie im Römerbrief und 1. Korintherbrief) als "Leib Christi" verstanden wird (Kol 1,17). Wer zu diesem Herrn gehört, steht nicht länger unter der Herrschaft weltlicher Mächte und Gesetze. Auch alle zwischenmenschlichen Beziehungen stehen unter dieser Herrschaft, wie die so genannte christliche Haustafel (Kol 3,18-4,1) zeigt. Frauen und Männer, Eltern und Kinder, Herren und Sklaven, sie alle sind in allererster Linie ihrem Herrn Jesus Christus verpflichtet. Daher steht nicht die Unter- oder Überordnung im Mittelpunkt, sondern die gegenseitige Annahme und Liebe im Sinne Christi.

4. Über die genaueren Entstehungsverhältnisse des Kol kann man wenig Bestimmtes sagen. Viele Bibelwissenschaftler nehmen an, dass der Brief von einem Schüler des Paulus ungefähr im Jahr 70 n. Chr. geschrieben wurde. Zur Begründung dafür wird angeführt, dass in bestimmten Fragen andere Schwerpunkte gesetzt werden als im Römer- oder auch dem 1. Korintherbrief. So wird beispielsweise in Römer 6 (im Zusammenhang mit der Taufe) von der Auferstehung der Christen als etwas Zukünftigem gesprochen, in Kol 2,12 heißt es hingegen, dass wir bereits mit Christus auferstanden sind. Dies ist kein ausdrücklicher Gegensatz (denn wer getauft ist, ist ein neuer Mensch geworden, und damit ist die endzeitliche Auferstehung in gewisser Weise bereits vorweggenommen), aber der Schwerpunkt ist verschieden. Ein weiteres Beispiel ist die Lehre von der Kirche als Leib Christi. Nach 1. Korinther 12 ist Christus selbst der Leib, an dem wir Glieder sind, in Kol 1,18 wird er als Haupt des Leibes verstanden. Auch dies ist kein Widerspruch, sondern eine andere Akzentsetzung. 1. Korinther 12 betont die Einheit in Christus, Kolosser 1 die Unterordnung unter Christus. Daneben hat der Kol bestimmte sprachliche Eigenheiten, die ihn von anderen Paulusbriefen unterscheiden. Andere Bibelwissenschaftler erklären die Besonderheiten des Kol allein mit der konkreten Situation, in der er geschrieben wurde, und nehmen eine Abfassungszeit von ungefähr 60 n. Chr. an, als Paulus sich in seinen letzten Lebensjahren in Rom aufhielt. Wie auch immer man hier persönlich urteilen mag, der Kol zeigt, dass die Schriften des Neuen Testaments immer auf die konkrete Situation der angesprochenen Personen Bezug nehmen. In der Situation des Kol war es wichtig zu betonen, dass Christus der Herr des Universums ist und sich alle anderen (weltlichen) Mächte untertan gemacht hat.

Dr. Thomas Knittel, Pfarrer z.A.


Einführung zu: Evangelien, Matthäus, Markus, Lukas, Apostelgeschichte Römer, 1. Korinther, 2. Korinther, Galater, Philipper, Kolosser, Thessalonicher, Timotheus, Titus, Philemon, Johannes, Hebräer, Jakobus, Judas, Offenbarung



   zuletzt aktualisiert am: 20.11.2006