Lies dich fit - Einführung zur Offenbarung des Johannes

1. Die Offb ist ein Buch, das zugleich fasziniert und verwirrt. Unter den Schriften des Neuen Testaments war sie noch um 200 n. Chr. umstritten. (Der Kanon [= die definitive Liste der dazugehörigen Bücher] des Neuen Testaments stand erst im 4. Jahrhundert endgültig fest.) Das liegt vor allem daran, dass sie eine reiche Bildersprache verwendet, die zahlreiche Anspielungen auf das Alte Testament, auf weitere (nichtbiblische) Schriften des Judentums und auf geschichtliche Umstände ihrer Entstehungszeit enthält. In der Auslegungsgeschichte wurde dieses Buch zuweilen als eine Art Fahrplan missverstanden, und bestimmte Ereignisse der Geschichte wurden direkt auf Aussagen der Offenbarung bezogen. So wurde zum Beispiel versucht, den Beginn des "tausendjährigen Reichs" (Offb 20) zu berechnen oder ihn gar gewaltsam herbei zu zwingen. Für eine sachgemäße Interpretation ist es aber unerlässlich, die Situation des Autors und der damaligen Empfänger sowie die Bezüge auf bestimmte Ereignisse der Entstehungszeit zu beachten. Gerade dann kann das Buch auch in unserer heutigen Zeit seine Wirkung entfalten.

2. Die Offenbarung ist ein Buch, das nicht Angst machen sondern trösten und stärken will. Es wendet sich an 7 christliche Gemeinden in Kleinasien (heute im Westen der Türkei gelegen), war aber wohl darüber hinaus für die ganze Region bestimmt, denn die Zahl 7 steht in der Offb immer für eine Gesamtheit. Im Hintergrund stehen staatliche Verfolgungs- und Unterdrückungsmaßnahmen in der Regierungszeit des Kaisers Domitian (81-96 n. Chr.), die mit der Ablehnung des Kaiserkults durch die Christen zu tun hatten. Der Kaiser forderte von seinen Untertanen religiöse Verehrung und ließ sich als "unser Herr und Gott" anreden. In Kleinasien hatte dieser Kaiserkult eine besondere Verbreitung gefunden, wurde aber vermutlich nicht in allen Gegenden des römischen Reiches in gleicher Intensität betrieben. Die Vorwürfe gegen Vertreter des Judentums, die sich in der Offb an verschiedenen Stellen finden, haben nichts mit einem allgemeinen Antisemitismus zu tun, sondern vielmehr damit, dass bestimmte jüdische Gruppen offenbar diese staatlichen Maßnahmen gegen die Christen unterstützten. Ferner verlor das Christentum mit seiner fortschreitenden Abtrennung vom Judentum (die von beiden Seiten betrieben wurde) den geschützten Status, den das Judentum innehatte, denn letzteres war vom Kaiserkult befreit. So gingen die römischen Machthaber in Kleinasien mit zunehmender Härte gegen das Christentum vor, was unter Umständen bis hin zur Todesstrafe gehen konnte. In dieser Situation bestärkt die Offb die Gemeinden in ihrer Glaubenstreue und Standfestigkeit, indem sie immer wieder deutlich macht: Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, hält alle Fäden der Geschichte in seiner Hand. Sein Sohn, Jesus Christus (in der Offb häufig als "das Lamm" bezeichnet), hat mit seinem Tod am Kreuz und mit seiner Auferstehung den Sieg über alle Mächte des Verderbens errungen. Wer ihm vertraut, kann standhalten und wird den Siegespreis gewinnen.

3. Diese Botschaft des Trostes schreibt der Seher Johannes, der sich auf der Insel Patmos befindet (vermutlich in der Verbannung), im Auftrag Gottes an die Gemeinden Kleinasiens. Er hat eine Vision (Kap. 1) erlebt, in der er den Auftrag erhielt, das "was ist und was geschehen soll" (1,19) aufzuschreiben. So beginnt er bei der Situation der angesprochenen Gemeinden ("das, was ist"; Kapitel 2-3) und gibt dann Einblicke in die Ereignisse der Endzeit ("das, was geschehen soll"; Kapitel 4-22). Johannes versteht seine Botschaft als Prophetie (1,3 und 22,19, von Luther mit "Weissagung" übersetzt), bezeichnet sich aber nicht als Apostel. Daher handelt es sich hier kaum um den Jünger Johannes, zumal dieser Name ja äußerst verbreitet war. Der Autor war vermutlich ein Judenchrist, der aus Palästina stammte und später nach Kleinasien ausgewandert ist (vielleicht im Zusammenhang des jüdischen Krieges um das Jahr 70 herum).

4. Für das Verständnis der prophetischen Aussagen der Offb ist es nun wichtig einen Grundsatz zu beachten, der im Grunde für alle biblischen Texte gleichermaßen gilt. Gottes Wort bedient sich gewissermaßen des menschlichen Mundes (vgl. Römer 10,17: der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt kommt durch das Wort Christi). Daher ist Johannes nicht nur Empfänger, sondern auch Gestalter, und es ist darum nicht verwunderlich, dass seine Visionen zahlreiche Anspielungen auf das Alte Testament enthalten (vergleiche zum Beispiel die Posaunen in Offb 8-9 mit den 10 Plagen aus 2. Mose 7-12), dass jüdische Traditionen (z.B. das verborgene Manna in 3,17) aufgegriffen werden oder zum Teil auch Vorstellungen aus der heidnischen Umwelt. Letzteres zeigt sich z.B. in Kap. 4, wo die 24 Ältesten beschrieben werden, was sich auf die 12 Tierkreiszeichen bezieht, die nach der persischen Religion jeweils von 2 Göttern beherrscht werden. Diese 24 "Götter" der persischen Religion werden in der Offb aber ganz klar degradiert, indem sie dem Schöpfer des Himmels und der Erde untergeordnet werden, der allein wahrer Gott ist. Johannes spricht in einer konkreten Zeit, und er spricht auch die Sprache dieser konkreten Zeit und teilt ihre Vorstellungswelt. Dennoch aber verkündigt er darin das Wort Gottes, denn in der Bibel gehen menschliches und göttliches Reden häufig eine schwer zu trennende Verbindung ein (übrigens: genau das gleiche trifft ja auf Jesus Christus selbst zu. Er war Gott und Mensch in einer Person. Man darf beide Seiten nicht vermischen, aber man kann sie auch nicht voneinander trennen).

5. Nicht alle Anspielungen der Offb sind heute mehr verständlich, beispielsweise wissen wir nichts mehr über die Irrlehre der "Nikolaiten", die in Kap. 2 und 3 erwähnt wird. Es ist aber auch nicht entscheidend, jede Einzelheit entschlüsseln zu können. Wichtig ist vor allem eines an der Offb, das auch heute von aktueller Gültigkeit ist: Gott wird diese Welt richten, und alles Leid und alle Ungerechtigkeit, die seinen Kindern in dieser Welt aufgrund ihres Glaubens widerfahren, haben nur Hinweischarakter auf sein unaufhaltsames Kommen. Wir müssen sein Gericht nicht fürchten, wenn wir ihm vertrauen, denn "wer an ihn (= Jesus Christus) glaubt, der wird nicht gerichtet" (Johannesevangelium 3,18).

Dr. Thomas Knittel, Pfarrer z.A.


Einführung zu: Evangelien, Matthäus, Markus, Lukas, Apostelgeschichte Römer, 1. Korinther, 2. Korinther, Galater, Philipper, Kolosser, Thessalonicher, Timotheus, Titus, Philemon, Johannes, Hebräer, Jakobus, Judas, Offenbarung



   zuletzt aktualisiert am: 20.11.2006