Lies dich fit - Einführung zu den Briefen an Timotheus
1. Diese beiden Briefe werden gemeinsam mit dem Titusbrief als Pastoralbriefe bezeichnet, weil sie an die geistlichen "Hirten" der Gemeinden (lat. pastores = Hirten) gerichtet sind. Sie stehen inhaltlich in einem engen Zusammenhang. Über die genaue Entstehungssituation lässt sich aus den Briefen selbst wenig entnehmen. Es gibt zwar verschiedene Hinweise, wie z.B. in 1 Tim 1,3 (Paulus hat Timotheus in Ephesus zurückgelassen), 1 Tim 3,15 (Paulus möchte bald wieder zu Timotheus kommen) oder 2 Tim 2,9 (Gefangenschaft des Paulus). Aber diese passen nicht immer mit dem zusammen, was der Apostelgeschichte oder auch anderen Paulusbriefen zu entnehmen ist. Hinzu kommt, dass 1 / 2 Tim sich sprachlich und stilistisch relativ stark von anderen Paulusbriefen unterscheiden. Daher ist in der Bibelwissenschaft die Annahme verbreitet, dass die beiden Briefe (und auch der Titusbrief) von einem Schüler des Paulus stammen und ungefähr am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. entstanden sind. Die Zuschreibung von Schriften an einen Lehrer war in der Antike keine Besonderheit. Die Argumentationsweise und die Themen der Briefe passen auch besser in diese spätere Zeit, in der die Herausbildung der kirchlichen Ämter schon fortgeschritten war und in der die Gemeinden schon auf eine längere Tradition des christlichen Glaubens zurückblicken konnten. So wird beispielsweise in 2 Tim 1,5 der Glaube der Mutter und der Großmutter des Timotheus betont, was zu einer frühen Entstehungszeit nicht so recht passt. Die beiden Briefe sind an Timotheus, einen engen Mitarbeiter des Apostels Paulus, adressiert. Aus ihrem Inhalt lässt sich erschließen, dass sie für eine (oder auch mehrere) Gemeinde in Ephesus (in der heutigen Türkei) bestimmt waren, in der Timotheus offenbar eine besondere Rolle spielte.
2. Wie bereits erwähnt thematisieren die Pastoralbriefe die Frage der kirchlichen Ämter. Genannt werden das Bischofsamt (1 Tim 3,1-7), das Diakonenamt (1 Tim 3,8-13; griechisch: diakonos = Diener) sowie die "Ältesten" (1 Tim 5,17-22). Bestanden diese Ämter in der Anfangszeit eher relativ ungeordnet nebeneinander, so lässt sich in den Pastoralbriefen erkennen, dass die Ältesten und Diakone dem Bischof untergeordnet werden. Damit bildet sich ein zentrales Leitungsamt heraus, das die Reinheit der Lehre gegenüber Irrlehren und damit natürlich auch die Einheit der Gemeinde gewährleisten soll. Die Einführung in die genannten Ämter geschieht durch Handauflegung (z. B. 1 Tim 4,15). Der Bischof ist neben der Leitung der Gemeinde vor allem für die Lehre zuständig, aber auch die Ältesten haben an dieser Aufgabe Anteil und erhalten dafür sogar eine Vergütung (1 Tim 5,17-19). Über die Funktion der Diakone wird hier nichts Konkretes gesagt. Aus anderen Texten des Neuen Testaments lässt sich erschließen, dass der Dienst der Diakone (es gab auch weibliche) recht vielfältig war, er umfasste z.B. die Organisation der Armenfürsorge sowie Verwaltungs- oder liturgische Dienste. Zum Teil überschnitt er sich in der Frühzeit mit den Funktionen eines Bischofs oder Ältesten. So war die in Römer 16,1-2 genannte Diakonin Phöbe vermutlich die Leiterin der Gemeinde von Kenchrea (bei Korinth).
3. Die Briefe zeigen verschiedene Auseinandersetzung mit Irrlehren. Zum Beispiel wird in 1 Tim 4 die Forderung nach einem enthaltsamen Leben (sowohl im Blick auf die Ehe als auch im Blick auf bestimmte Speisen) abgelehnt. In 2 Tim 2,18 wird von Leuten gesprochen, die sagen: "die Auferstehung sei schon geschehen" (vergleichbar mit 2 Thess 2,2: "als sei der Tag des Herrn schon da"). Während in anderen Paulusbriefen eher eine sachliche Auseinandersetzung mit solchen und ähnlichen Lehren geführt wird, argumentieren die Pastoralbriefe eher mit dem Hinweis auf die Tradition und die Ämter der Kirche. Der Streit um Worte wird als nutzlos betrachtet (2 Tim 2,14). Wichtig ist für den Verfasser vor allem die Treue im Glauben, gerade angesichts der Bedrängnisse der Gemeinden durch innere und äußere Gefahren. Dazu gehört auch das Bleiben an der Heiligen Schrift (2 Tim 3).
4. Besondere Schwierigkeiten bereiten manchen Bibellesern die Aussagen in 1 Tim 2 über die Frauen. Dabei stehen wohl gewisse (nicht näher genannte) Missstände im Hintergrund. Eventuell ging es um einige besonders "geltungsbedürftige" Frauen, vermutlich daneben auch um eine ablehnende Haltung gegenüber Ehe und Familie. Man kann 1 Tim 2 nur in diesem Zusammenhang verstehen, denn die Aussagen des Textes stehen ziemlich am Rande dessen, was die Bibel sonst lehrt. Abgesehen davon, dass es unter den ersten Christen ganz selbstverständlich auch Frauen in kirchlichen Ämtern gab (z. B. die bereits erwähnte Diakonin Phöbe), kann das Heil keineswegs durch das Gebären von Kindern erlangt werden. Allein der Glaube an Jesus Christus ist dafür entscheidend, sodass kinderlose Frauen selbstverständlich auch zum Heil finden können. Auch gibt es keine stärkere Anfälligkeit von Frauen gegenüber der Sünde, wie 1 Tim 2,14 vermuten lassen könnte. Adam hat in gleicher Weise wie Eva gesündigt. Deshalb kann an anderer Stelle im Neuen Testament die Sünde Adams betont werden (Römer 5), ohne dass Eva überhaupt erwähnt wird.
Einführung zu: Evangelien, Matthäus, Markus, Lukas, Apostelgeschichte Römer, 1. Korinther, 2. Korinther, Galater, Philipper, Kolosser, Thessalonicher, Timotheus, Titus, Philemon, Johannes, Hebräer, Jakobus, Judas, Offenbarung

