Nimm deine Zunge in Zaum!

Herr stelle eine Wache vor meinen Mund, eine Wehr vor das Tor meiner Lippen.

Psalm 141,3

Warum nur muss ich beim Lesen dieses Monatsspruches sofort an die berühmte Predigt von John Wesley denken, die als Überschrift trägt: "Über das Afterreden". Mit Vehemenz setzte sich dieser große Kirchenmann gegen die üble Nachrede zur Wehr. Und er machte es seinen Predigern zur Auflage, diese Predigt mindestens einmal im Jahr in den Gottesdiensten zu verlesen. So wichtig war ihm dieses Anliegen. Inzwischen ist man längst davon abgekommen, diese Predigt zu lesen. Aber von ihrer Aktualität hat sie nichts eingebüßt. Man muss sich selbst und seine lieben Mitmenschen nur einmal daraufhin beobachten. Wenn man nicht über das Wetter spricht, spricht man über andere. Und das sind zumeist die interessantesten Themen. Psychologen haben uns längst erklärt, warum dem so ist: Wo immer man über den anderen spricht und dabei die negativen Seiten herausstellt, versucht der Mensch indirekt zu sagen: Schau mal, so schlecht bin ich nicht. Ich bin besser als der! Die eigene Ehre wird gesucht. Und dies auf Kosten des anderen. Im schlimmsten Fall kann dies soweit gehen, dass der andere schwer belastet wird. "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten." Dieses Gebot Gottes (2.Mose 20,16) ist nicht nur eine Auflage, die vor Gericht gilt. Diese Auflage gilt für jede Stunde unseres Lebens, wo immer wir es mit anderen Menschen zu tun haben. Die Lehre eines jüdischen Rabbi kann auch für uns sehr hilfreich sein. Als einer seiner Schüler aufgeregt zu ihm kam, um über einen anderen etwas zu berichten, unterbrach ihn der Lehrer und fragte: "Ist das, was du sagen willst, auch wichtig?". Als dies bejaht wurde, fragte er: "Ist das, was du sagen willst, auch wahr?" Nach der Auskunft, dass es dem Schüler glaubhaft erzählt worden sei, fragte der Lehrer nochmals: "Ist das, was du sagen willst, auch gut?" Daraufhin schwieg der Schüler und ging davon. Wenn wir unsere Rede doch auch durch diese drei Siebe gehen lassen würden, wichtig, wahr und gut, wir würden viel weniger über den anderen reden, sondern vielmehr mit ihm. Unser Monatsspruch setzt aber noch eines drauf. Wer genau hinschaut, merkt, es geht nicht nur um die üble Nachrede. Es geht vielmehr um jedes böse Wort, das da gesprochen wird. Und da wird mir schon bange, zumal noch das Wort Jesu in mir zum Bewusstsein kommt: "Ich sage euch aber, dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tag des Gerichtes von jedem nichtsnutzigen Wort, das sie geredet haben" (Mt.12,36).

Wie viele solcher unnötigen Worte sind wohl auch über meine Lippen gegangen.

Gott helfe uns, den Mund zu halten, wenn es angebracht ist. Er helfe uns aber auch, den Mund aufzutun, wo immer wir mit unseren Worten zu seiner Ehre und zur Ehre des anderen beitragen können. Er helfe uns, mit unseren Worten Gemeinschaft nicht zu zerstören, sondern sie zu pflegen und aufzubauen.

Dazu verhelfe uns der gnädige Gott.

Volker Schädlich, Falkenstein
Falkensteiner Anzeiger, August 2000