Lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.

Lukas 10,27

Wer sich ein wenig in der Bibel auskennt, weiß, dass dieses Wort aus dem Lukasevangelium auf Aussagen des Alten Testamentes zurückgeht. Es sind also Anweisungen, die der Menschheit schon über viele Jahrhunderte bekannt waren. In ihrer Zusammenstellung innerhalb des Neuen Testamentes sind sie freilich einmalig. Und sie werden immer wieder angemahnt. Gerade das Wort von der Nächstenliebe hat ja eine einmalige Wirkungsgeschichte hinterlassen. So führen sich alle sozial-diakonischen Aktivitäten der Christen auf dieses Wort zurück. Es ist ein wesentlicher Grundsatz geworden für christliches Leben. Doch gerade das Wort von der Nächstenliebe wird falsch verstanden und zu Unrecht eingeklagt, wo immer man es isoliert und nicht im Zusammenhang mit dem Gebot der Gottesliebe sieht. Entscheidend bleibt zunächst, dass unser Leben auf Gott ausgerichtet bleibt und ein Leben des grenzenlosen Vertrauens ist. Denn dann wird das Gebot des Nächstenliebe keine Fußfessel, sondern ist Ausdruck unseres Verhältnisses zu jenem Mitmenschen, der ebenfalls ein Geschöpf Gottes ist. Genau dies wird durch Jesus am folgenden Gleichnis vom barmherzigen Samariter aufgezeigt. Es lohnt sich, dieses Gleichnis in diesem Zusammenhang zu lesen und zu bedenken. Da ist einer, der den Menschen in seiner Hilflosigkeit wahrnimmt und dessentwegen Zeit, Geld und Kraft aufwendet. Nicht die Sache, sondern der Mensch wird gesehen. Und jener Samariter hat auch den Mut, die weitere Pflege zu delegieren (nämlich an den Wirt), um seinen notwendigen Aufgaben nachzugehen. Hier ist wohl auch ein wenig eine Verdeutlichung des "wie dich selbst" zu sehen. Viele Christen leiden darunter, dass von ihnen eine Nächstenliebe abverlangt wird, die sie so nicht geben können oder eventuell nur unter Preisgabe ihrer eigenen Lebensqualität. Genau dies wird aber nicht gefordert. Wer sein Leben Gott anvertraut hat und sich von ihm geliebt weiß, weiß sich wohl auch zum Dasein für andere gerufen. Aber er weiß auch, dass er sich nicht so zu vereinnahmen lassen braucht, dass er dabei selbst zum Hilfsbedürftigen wird. Selbstliebe ist erlaubt. So stellt das sogenannte Doppelgebot der Liebe jene Dreiecks-Konstellation her, die für das menschliche Leben so unwahrscheinlich wichtig und geboten ist: Gott - Ich - Nächster. Wo nur einer dieser Bezugspunkte vernachlässigt wird, gerät das Leben ins Wanken. Es wäre schön, wenn Sie sich in der Liebe zu Gott wiederfänden. Denn nur so wird es auch zu einem fröhlichen Ja zum Mitmenschen und zu sich selbst kommen. In diesem Sinne Ihr

Pastor Volker Schädlich
Falkensteiner Anzeiger, Februar 2001