Fremdlinge auf der Durchreise

Gott spricht:

Ein Fremdling soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.

3. Mose 19, 34

Wer kennt das nicht, fremd sein in einer Großstadt, vielleicht sogar im Ausland. Hilflos liest man die großen Vorwegweiser, aber schon hupt es erbarmungslos hinter mir. Eigentlich könnte man es an meinem Kfz-Kennzeichen erkennen: Ich bin fremd. Ich brauche Hilfe!

Aber Fremdsein und Hilfe-brauchen kam nicht mit den ersten Autos und Verkehrsschildern in die Welt. Schon in den ersten Büchern der Bibel lesen wir von Flucht, Heimatlosigkeit und Fremdsein. Gerade Israel als Volk hat in seiner frühen Geschichte die schmerzlichen Begleiterscheinungen der Fremdlingschaft in Ägypten durchlebt.

Darum appelliert Gott an sie, die Fremden in ihrem Land zu lieben. Aus selbst erfahrenem Leid soll Verständnis für die Not anderer wachsen. Für den Preis, sich an das Gesetz und die Sitten des Landes zu halten, genossen die Fremden Recht und Schutz im Land Israel.

Natürlich beantwortet der Monatsspruch von diesem Monat nicht alle oft so komplizierten Fragen, die im Zusammenleben mit Ausländern in unserem Land anstehen. Vielleicht will er nur ein neuer Denkanstoß sein. Denkanstoß vielleicht auch in der Richtung, dass wir uns neu erinnern lassen: Im Sinne der Bibel sind wir alle Fremde auf dieser Erde! Glaubensmänner wie Abraham und Jakob sprechen ganz deutlich davon.

Sie sehen ihr Leben als eine Wanderschaft. Im Neuen Testament werden von Petrus wiederholt Christen als Fremdlinge angesprochen und der Apostel Paulus sagt denen, die den Herrn Jesus Christus im Glauben angenommen haben, dass ihr Bürgertum im Himmel ist.

Da denke ich an die alte Geschichte von jenem Reisenden. Es war schon spät geworden und er bittet in einem Kloster um ein Nachtquartier. Freundlich lässt man ihn ein. Schon bald zeigt man ihm den schlichten, sauberen, aber fast leeren Raum, der als Nachtquartier dienen soll. Bestürzt ruft der Reisende: "Wo sind denn die Möbel?" Betont ruhig sagt der Mönch: "Wo sind denn ihre Möbel?" - "Ich bin ja hier nur auf der Durchreise", machte der Fremde nochmals seine Situation deutlich. - "Wir auch", sagte der Mönch bedächtig und nachdenklich.

Vielleicht ist uns diese Sicht ein Stück verlorengegangen. - Könnte es sein, dass wir deshalb so stark fixiert sind auf die materiellen Güter dieser Welt und auf unsere eigenen Annehmlichkeiten? Ob der Fremde unter uns deshalb oft nicht die notwendige Zuwendung erhält?

Interessant ist noch, dass das Zusammenleben Israels mit den Fremdlingen auch vom gemeinsam frohen Feiern der israelischen Feste und vom gemeinsamen Hören auf Gottes Wort gekennzeichnet war.

Könnte wohl gerade dieses Hören auf Gottes Wort ein tragender Grund für das Miteinander des Volkes Israel mit seinen Fremden gewesen sein? Ob das auch heute noch funktionieren würde? Probieren wir es doch aus!

Werner Oberlein
Falkensteiner Anzeiger, März 2001