Was dem anderen dient

Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auf das, was dem anderen dient.

Philipper 2,4

Jeder denkt an sich ... nur ich denke an mich. Dieser freche Spruch beinhaltet viel Wahrheit. Warum soll ich mich auch um das Wohlergehen der anderen kümmern? Vordergründig spricht nicht sehr viel dafür. Wer kümmert sich denn um mein Wohlergehen? Auf der einen Seite sehnt sich der Mensch nach Liebe und Verständnis und Harmonie. Auf der anderen Seite möchte er aber groß heraus kommen und manchmal sogar auf Kosten anderer.

Martin Luther hat einmal gesagt: »Wir wollen alle gerne die Einigkeit haben, aber das Mittel zur Einigkeit sucht niemand, welches wäre gegenseitige Liebe!« Für ein gutes Miteinander müssen wir etwas tun und da kommen wir ganz schnell an unsere Grenzen. Auf der Nachbarschaftsebene kann es schneller als einem lieb ist zu Interessenskonflikten kommen, zu Unachtsamkeiten, zu Verdächtigungen bei unterschiedlichen Erwartungen und Vorstellungen. Keiner möchte den Kürzeren ziehen. Niemand möchte geschnitten werden.

Den Besitzstand wahren, meine Rechte wahrnehmen - das ist ein durchaus berechtigtes Anliegen. Im Berufsleben besteht außerdem die Gefahr, dass das Konkurrenzdenken uns über die Maßen bestimmt. Neid auf die Stellung oder die Begabung des anderen kann entstehen. Und um das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Angestellten förderlich zu gestalten, bedarf es auch viel Weisheit und Durchhaltevermögen. Und selbst unter den nächsten Angehörigen kann man nicht selbstverständlich von purer Freude aneinander ausgehen.

Da hat auch jeder seinen eigenen Kopf unter Geschwistern, in Partnerschaften, zwischen Eltern und Kindern. Wo soll man anfangen für ein gutes Miteinander zu sorgen? ja, wenn alle das machen würden, auf das Wohlergehen des anderen zu achten.

Aber einer muss anfangen. Dazu gehört viel Mut. Mut vor meinem Stolz wegzugehen. Mut auch den Vorteil des anderen im Blick zu haben. Mir Gedanken machen über die Leute mit denen ich zusammenlebe, sehen wem zu helfen wäre. Nicht eigene Probleme auf andere zu schieben. Wir merken, es geht nicht nur um soziale Pflichterfüllung, sondern um eine neue innere Haltung. »Bescheidenheit kann man erziehen. Demut muss man erbitten.« (Hermann Bezzel).

Einer hat angefangen mit dieser Haltung der Liebe. Jesus hat auf sein Vorrecht bei Gott dem Vater zu sein verzichtet und ist zu den Menschen auf die Erde gekommen. Es ging ihm darum die Menschen zu erreichen, nicht sich selbst darzustellen. Jesus war und blieb Gottes Sohn, aber er gab seine Vorrechte auf. Wir sind gefordert diesen Anfang fortzusetzen. Wir dürfen im Vertrauen auf Jesus unsere Angst zu kurz zu kommen hintenan stellen. Gott achtet auf uns. Darum können wir auch auf das Wohlergehen des anderen achten. Dahinter steht eben nicht die Mentalität des Mangels, sondern die Fülle.

Es sind Leute gesucht, die anfangen auch das Wohl des anderen im Blick zu haben. Dadurch kann gute Gemeinsamkeit entstehen. Einfache Lösungen gibt es nicht. Aber echte Liebe wird uns nie schaden.

Mut und Freude beim Entdecken des Anderen wünscht Ihnen Karsten Helbig, Prediger der Landeskirchlichen Gemeinschaft Falkenstein

Karsten Helbig
Falkensteiner Anzeiger, Juli 2001