Gleich einem Senfkorn

Jesus Christus spricht:

Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und in seinen Garten säte; und es wuchs und wurde ein Baum.

Lukas 13,19

Welch eine wunderbare Verheißung, so möchte man sofort sagen. Da ist zu Beginn das völlig unscheinbare, leicht zu übersehende und vielleicht auch von anderen gar missachtete Samenkorn. Aber siehe da, es wächst sich aus zu einem Baum. Ein fantastischer Vergleichspunkt für so manche Lebenserfahrung. Denn was manchmal klein und versteckt beginnt, kann groß werden und ungeahnte Kräfte entwickeln. Das wissen wir alle. Und für manche Dinge wünschen wir es uns auch. Das kleine Kind, das zu einem Genie heranwächst, das Geschäft, das in einer Garage beginnt und als Konzern endet und was es sonst noch für Erfahrungen oder stille Sehnsüchte gibt. Auch gerade im Blick auf Kirche und Gemeinde möchte man wohl allzu gern eine solche Sehnsucht weitergeben können. Nur scheint hier gerade die umgekehrte Richtung zu stimmen. Aus einem schier unübersehbaren stämmigen Baum wird ein verkrüppeltes, hilfloses Bäumchen. Hat sich Jesus etwa mit seinem Wort geirrt? Aber halt, es geht ja nicht um Kirche schlechthin. Er spricht vom "Reich Gottes", er spricht von der Herrschaft Gottes, die er verkündigte. Und das ist wohl wahr, diese Herrschaft ist nicht unbedingt festzumachen am Bild der Kirche. Diese Herrschaft ist auch nicht ablesbar oder gar zu verneinen an den Widersprüchlichkeiten, die es in Kirche und Gesellschaft, im Leben des Einzelnen wie im Leben der Welt gibt. Ich bin davon überzeugt, dass sich diese Herrschaft Gottes ausweitet, sich Raum schafft unter den Menschen und am Ende sich dennoch gegen alle Gewalt durchsetzt. Denn das Reich Gottes, die Herrschaft Gottes ist die Herrschaft der Liebe, wie sie in Christus verwirklicht ist. Diese Liebe kann man nicht vernichten. Diese Liebe weitet sich aus. Die Frage ist nur, ob man sich dieser Liebe stellt. Ich wünsche es Ihnen, denn dann werden Sie etwas erfahren von der Größe der Herrschaft Gottes. Und am Ende bleibt das Staunen über den kleinen Beginn, der sich zu solcher Größe auswuchs. Staunen Sie mit!

Pastor Volker Schädlich
Falkensteiner Anzeiger, September 2001