Zeit-Betrachtungen

"Kinder, wie die Zeit vergeht!". So sagen wir, wenn wieder ein Tag vorbei ist, eine Woche zu Ende geht oder wir den alten Kalender durch einen neuen ersetzen. Kaum liegt die, Jahrtausendwende hinter uns, schreiben wir schon das Jahr 2002: VERGEHENDE ZEIT.

Ein Leben ohne Terminkalender kann man sich kaum mehr vorstellen. Welche Eintragungen haben Sie schon gemacht?

Den Arzt aufsuchen, die Wohnung renovieren, die Familienfeier vorbereiten, den Ferienplatz festmachen, die Busreise buchen: VERPLANTE ZEIT.

"Zeit ist Geld". So sagt ein Sprichwort. Darum: mir keine Zeit verlieren! Experten haben ausgerechnet: Die Staus auf Deutschlands Straßen ergeben einen volkswirtschaftlichen Schaden von jährlich umgerechnet 100 Milliarden Euro. Der Grund: die verloren gegangene Zeit, veranschlagt man eine Privatfahrt mit 10,- Euro und eine Dienstfahrt mit 50,- Euro pro Stunde. Zugegeben: Auch ich stehe nicht gern im Stau und ärgere mich, kostbare Zeit zu verlieren, denn das ist vertane, VERLORENE ZEIT.

Es ist ja wahr: Zeit ist wirklich ein kostbares Gut. Wir bekommen sie gratis, an jedem Tag 24 Stunden. In einem Menschenleben von 60 Jahren sind das sage und schreibe mehr als eine halbe Million Stunden! Man stelle sich das vor: jemand gibt uns so viel Zeit. Er händigt sie uns kostenlos aus und sagt: "Diese Zeit ist dein. Du musst nichts dafür bezahlen. Sie ist geschenkt." In wenigen Tagen werden wir's wieder bekommen: 2002 - ein Jahr GESCHENKTE ZEIT.

Also - wenn Sie mich fragen - ich finde das großartig. Der edle Spender hat unseren Dank verdient, vielleicht so, dass wir ihm einmal in der Woche eine Stunde widmen, die wir mit ihm verbringen: wo wir für ihn ganz offen sind, seine Nähe erfahren und es von ihm lernen, Zeit zu verschenken.

Kostbarer, persönlicher kann ein Geschenk nicht sein. Es ist ein unbezahlbares, unwiederbringliches Stück meines Lebens. Nicht nur Enkelkinder fragen: "Opa, hast du für mich Zeit?" Viele Menschen sind mit mir im Leben unterwegs, denen ich nichts Besseres tun kann, als dass ich mir für sie Zeit nehme.

Das vor uns liegende neue Jahr könnte dafür ein gutes Übungsfeld sein. Wie wäre es, wenn Sie einmal Gutscheine verschenkten mit folgender Aufschrift: Ein Rommé-Nachmittag mit Oma, ein Hallenbadbesuch mit den Enkeln, eine Erzählstunde bei Kaffee und Kuchen mit der alleinstehenden Nachbarin, die nie Besuch bekommt: VERSCHENKTE ZEIT.

Übrigens: Wir sollten auch uns selber hin und wieder ein Stück Zeit schenken, die wir ganz für uns verbringen, dass wir nicht nur rotieren und funktionieren, sondern dem Geheimnis der Zeit auf der Spur bleiben, das ein Beter der Bibel so ausgedrückt hat: "Meine Zeit steht in deinen - in Gottes Händen." (Psalm 31,16). Zeit, von Gott aufgehoben und bewahrt, keine, verlorene und für immer verwehte Zeit, sondern vollendete, zu Gott zurückgekehrte Zeit. Wie gelassen könnten wir leben mit diesem "Herrn über Zeit und Ewigkeit".

Ich wünsche mir und Ihnen, die Sie diese Zeilen lesen, im neuen Jahr gute Erfahrungen in solchem Umgang mit der uns anvertrauten Zeit.

Plarrer Roland Sporn, Neustadt
Falkensteiner Anzeiger, 20.12.2001