Die Jugend von heute ...

Was wir hörten und erfuhren, was uns die Väter erzählten, das wollen wir unseren Kindern nicht verbergen.

Psalm 78,3-4

Mit der Jugend von heute ist kein Staat zu machen. Sie "ist unerhört rücksichtslos und frühreif. Als ich jung war, lehrte man uns gutes Benehmen und Respekt vor den Eltern, aber die Jugend von heute will alles besser wissen und ist immer mit dem Mund vornweg." Was manchem Zeitgenossen aus der Seele gesprochen sein mag, stammt aus einer längst vergangenen Zeit. Der so sprach, war der griechische Dichter Hesiod, der vor 2700 Jahren lebte. Offenbar war die Jugend von heute auch gestern schon etwas schwierig.

Wer Kinder hat, kennt auch die Erfahrung, dass sie eigene Wege gehen. Für ihre Eltern ist dies nicht immer leicht, ja manchmal vielleicht sogar zum Verzweifeln. Gerade im Hinblick auf den Glauben leiden so manche Eltern unter der Einsicht, dass sie es nicht in der Hand haben, welche Wege ihre Kinder gehen. Der Spruch für diesen Monat gibt in dieser Hinsicht einen wichtigen Hinweis: Eltern können ihren Kindern etwas ganz Entscheidendes mitgeben, indem sie ihnen erzählen, was ihnen selbst im Leben wichtig geworden ist.

Belehrungen bewirken selten etwas, Erzählungen aber sehr viel, wenn sie wirklich aus dem Leben gegriffen sind. Wenn jemand ganz authentisch und schlicht über seine Erlebnisse und Erfahrungen erzählt, kann kein Spielfilm mithalten. Der Engel, der mich selbst behütet hat, ist viel interessanter als die "drei Engel Engel für Charlie", die im Kino zu sehen sind. Die Antworten, die ich selbst auf die Fragen meines Lebens gefunden habe, sind überzeugender als manch auswendiggelernter Lehrbuchsatz.

Lebenserfahrungen sind Schätze, die zur Weitergabe bestimmt sind. Und je unaufdringlicher sie auftreten, desto leichter sind sie anzunehmen. Für Christen sind Lebenserfahrungen immer auch Erfahrungen mit Gott. Dass unsere Kinder die gleichen Erfahrungen machen wie wir, dass können wir nicht bewirken. Auch nicht, dass sie die Fehler, die wir selbst gemacht haben, unterlassen. Eines aber können und sollen wir tun: erzählen, was wir selbst mit unserem Gott erlebt haben. Und wenn wir uns erinnern, haben auch wir von unseren Eltern weniger die Lehrsätze übernommen als vielmehr das, was sie uns vorgelebt haben: in Wort und Tat.

Es ist nicht unwichtig, dass unser Monatsspruch von drei Generationen spricht. Wir sind nicht die ersten, die ihren Kindern etwas Wegweisendes mitgeben wollen. Vielleicht hatten unsere Eltern gar die gleichen Sorgen und Fragen, die wir im Blick auf unsere Kinder haben. Diese Einsicht kann uns gelassen machen. Vielleicht wollen unsere Kinder gar nicht unbedingt Rezepte und fertige Antworten von uns, sondern einfach Vorbilder, an denen sie sich reiben und orientieren können. Was wir selbst empfangen haben, das sollten wir unseren Kindern nicht vorenthalten.

Pfarrer Dr. Thomas Knittel
Falkensteiner Anzeiger, 28.08.2003