Advent fängt mit A an

Bitte, lächeln Sie nicht über diesen Satz, der wie eine Binsenweisheit klingt. Er ist ernst gemeint. Advent fängt mit A an. Das A ist ja nicht irgendein Buchstabe. Er ist der erste Buchstabe des Alphabets. Mit ihm fängt die lange Reihe der Buchstaben an. A ist der Buchstabe des Anfangs.

Advent - das will heißen: Gott macht einen neuen Anfang. Er schreibt ein großes A über unsere Welt, wie es im biblischen Wort für den Monat Dezember heißt:

Gott spricht:

"Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde."

Jesaja 43,19

Dieses Wort ist an Menschen gerichtet, die am Ende sind: Fremde Soldaten, brennende Häuser, zerstörter Tempel, Deportation in Feindesland, Leben fern der Heimal - so geschehen im Jahre 587 v. Chr. im Lande Juda. Menschen erleben: Sich von Gott abwenden, seine Gebote missachten, von sich selbst und den Herren der Welt alles erwarten - das führt in den Untergang. Eine schwere Lektion! Doch Gott bleibt seinem Volk treu. Er führt es in die Tiefe, aber er lässt es nicht umkommen. Ein halbes Jahrhundert später spricht Gott: "Siehe!", d.h. Augen auf! Kopf hoch! Aufgepasst! Hingeschaut! "Siehe, ich will ein Neues schaffen." Gott tritt in Aktion. Er führt Regie, in den weltpolitischen Entwicklungen wie bei den Menschen auf der Straße (wie hierzulande vor 15 Jahren). "Ich will ein Neues schaffen". Altes, Starres zerbricht. Mauern fallen. Grenzen öffnen sich. Aufbruch ist angesagt - in die verloren geglaubte Heimat, in eine freiheitlich- demokratische Ordnung. Was sich langsam anbahnte "Jetzt wächst es auf". Aus hoffnungslos Erstorbenem beginnt es zu sprossen, winziges Grün an toten Zweigen. "Erkennt ihr's denn nicht?" Habt ihr keine Augen dafür?

Es mag uns ähnlich gehen wie den Heimkehrern damals im Jahre 536 v. Chr. Ins Land der Väter. Große Hoffnungen - aber der Alltag ist schwierig. Es geht nur mühsam voran. Der Aurbau dauert länger als erwartet. Nicht aus dem Vollen schöpfen, sondern mit Einschränkungen leben ist angesagt. Resignation macht sich breit. Vergangenheit wird verklärt. Der Blick für das tatsächlich Neue trübt sich.

Gott appelliert an unser Sehvermögen. Erkennt ihr's denn nicht, was gewachsen ist und weiter wachsen will? "Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde." Hoffnungsbilder für ein geschlagenes Volk, für mutlos gewordene Menschen. Wüste und Einöde verwandeln sich nicht über Nacht in blühende Landschaften, aber Gott bahnt gangbare Wege, schafft Oasen des Mutschöpfens, eröffnet Ausblicke in Neuland. Er selbst ist auf dem Weg mit dabei und weist uns ein, das Leben in seinen Schwierigkeiten, aber auch seinen Freudenstunden anzunehmen und darin Nähe zu erfahren.

Advent fängt mit A an. Rudolf Schäfer hat auf einem seiner Bilder die Christgeburt in eine Scheune verlegt. Die Balken des Daches bilden ein mächtiges A, als wollte er sagen: Da schaut hin, worauf Advent hinaus will. Diese Zeit nimmt uns mit auf den Weg, der zur Krippe führt. In Christus, der "wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich" vor uns aufwächst, macht Gott endgültig den neuen Antang für unsere Welt, schreibt er sein großes A über unser Leben. Lassen wir uns in der vor uns liegenden Adventszeit herauslocken aus unserem alten Trott! Gottes Anfang mit uns setzt uns instand, nun auch mit ihm und untereinander neu anzufangen. Ein Vater nimmt Kontakt auf mit seinem Sohn. Zwischen ihnen herrschte jahrelang Funkstille. Eine kaputte Beziehung wird heil: Wasser in der Wüste.

Eheleute schauen sich wieder in die Augen und hören auf, sich Vor würfe zu machen. Ein gangbarer Weg tut sich auf, viele kleine Schritte, um aus der Entfremdung zueinander zu finden. Fine junge Frau wird in ihrem Herzen von Gottes Stimme getroffen. Sie blockt nicht ab, sondern gibt ihr Raum, schenkt ihr Vertrauen, sucht Kontakt mit anderen Christen, will mit Christusihr Leben führen, Orientierung finden in unserer turbulenten Zeit.

Advent fängt mit A an. Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Adventszeit mit guten A (Anfängen) und weniger O und W (O-Wehs).

Pfarrer i.R. Ronald Sporn, Neustadt
Falkensteiner Anzeiger, 25.11.2004