Namen im Himmel geschrieben

Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschreiben sind.

Lukas 10,20

Es war die reine Euphorie! Der Meister hatte seinen 72 Azubis große Aufgaben übertragen. Das ehrte sie, und die ganze Sache war auch recht erfolgreich verlaufen. Nun schienen ihnen alle Türen offen zu stehen, Jetzt sind wir wer!

Worum geht es? Der Evangelist Lukas berichtet, dass Jesus 72 Jünger auf einen besonderen Missionseinsatz geschickt hatte. Sie waren in Zweiergruppen ausgezogen, um zu predigen und Kranke zu heilen. Konnten sie denn das? Nicht so, dass sie etwa eine Ausbildung zum Wunderheiler absolviert hatten. Aber die Botschaft, die ihnen anvertraut war, war nicht nur für die Seele bestimmt, sondern sollte auch leibliche Not lindem. Die Bibel enthält viele Geschichten von Krankenheilungen, die nicht durch Ärzte, sondern durch Gottes Kraft geschahen. Manche Details könnte man heute gewiss medizinisch erklären, aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass Gottes Wort eine heilende Kraft hat, bis hin zur körperlichen Gesundung. Dieses Wort gab den Jüngern die Kraft und Vollmacht zur Predigt und zur Heilung von Kranken. Und sie waren wohl selbst etwas erstaunt über die Früchte ihres Einsatzes. Sie kamen zu Jesus zurück und jubelten: "Herr, auch die bösen Geister sind uns Untertan in deinem Namen." Das hätten sie selbst nicht gedacht: plötzlich halten sie Macht über lebensbedrohliche Mächte.

Ich kann die Euphorie verstehen. Sie hatte nur einen Haken: sie drohte den Jüngern zu Kopf zu steigen. Ich stelle mir vor, wie die Gedanken schon zu purzeln begannen: Toll, was wir können! Mensch, wir könnten die Welt befreien! Mit uns ist zu rechnen!

Genau das wollte Jesus nicht. Im Übrigen ist die Christenheit auch später immer wieder anfällig für diese Versuchung gewesen. Sie rechnete sich selbst zu, was sie lediglich als Gabe für ihren Dienst anvertraut bekommen hatte. Und sie meinte manchmal gar, sie könnte die Welt ins Paradies zurückverwandeln. Dabei verlor sie aber den Grund ihres Daseins aus dem Blick.

Jesus schüttet kaltes Wasser in die flammenden Reden der Jünger: Das, was ihr erlebt habt, ist nicht entscheidend. "Freut euch nicht darüber, dass euch die Geister Untertan sind. Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind."

Warum? Jesus wusste, dass die Jünger bald vor schweren Bewährungsproben stehen würden. Jesus wusste, dass diese Welt eben nicht das Paradies ist. Und wenn er Kranke geheilt oder seine Jünger dazu beauftragt hatte, war dies nicht das Ende menschlichen Leides in dieser Welt. Es waren vielmehr Zeichen einer neuen Welt, die aber bis heute nur im Ansatz erkennbar und erfahrbar ist. Die Euphorie hätte darum irgendwann zum Zusammenbruch geführt. Der Himmel ist bislang nur schemenhaft erkennbar, aber er ist im Werden. Das Entscheidende ist darum, so macht Jesus deutlich, dass ihr eure Bestimmung nicht aus dem Blick verliert. Ihr seid bestimmt, diese neue Welt Gottes ohne Leid und Tränen, ohne Krieg und Ungerechtigkeit zu erleben. Ihr steht auf der Liste der Geladenen. Das ist Trost und Verpflichtung zugleich. Trost, weil wir den Himmel nicht selbst herbeiführen können und auch nicht müssen. Jede Eintrittskarte ist, geschenkt. Verpflichtung aber auch, weil die Plätze nicht verschleudert werden. Wer das Ticket nicht zu schätzen weiß, könnte es einbüßen. Gut ist aber, dass Gott selbst das zu entscheiden hat. Ich kann nur sagen:

Geladen sind alle, die es wollen. Der Himmel ist Gottes Geschenk für alle, die dankbar sagen: Schön, dass du mich eingeladen hast, ich komm gern. Ihr Ticket ist ihnen gewiss, auch wenn sie auf dem Weg dahin einmal ins Schlingern kommen. Die Euphorie ist nicht entscheidend, sondern Gottes Treue, der zu seinen Versprechen steht. Er hat sich's notiert.

Herzlich grüßt Sie Ihr Pfr. Dr. Thomas Knittel
Falkensteiner Anzeiger, 27.01.2001