Keinem von uns ist Gott fern

Keinem von uns ist Gott fern.

Apostelgeschichte 17,27

Wer eine Reise nach Griechenland unternimmt und nach Athen kommt, sollte nicht nur die Akropolis, sondern auch den Areopag besuchen, im Altertum ein Hügel für Gerichtsverhandlungen und zugleich eine Stätte, an der sich Künstler und Gelehrte trafen und Gespräche über Gott und die Welt führten. Im Jahre 49 n. Chr. spricht ein Wanderprediger zu den Menschen, am sie für den Glauben an Christus zu gewinnen, Paulus, ein ehemaliger Christusgegner. Er holt weit aus. Er knüpft an die Vorstellungen seiner Zuhörer an. Er müht sich um eine Sprache, die sie verstehen. Ein Satz seiner Rede lautet: "Keinem von ms ist Gott fern."

Das ist ein kühner, alle Menschen umschließender Satz. Keiner ist ausgenommen. Jeder Mensch, wer er auch sei, ob Mann oder Frau, Einheimischer oder Ausländer, Christ oder Muslim, Gottsucher oder Gottesleugner - jeder Mensch lebt in der Nähe Gottes, weil Gott nahe bei alen Menschen lebt.

Dieser Satz strahlt Hoffnung und Zuversicht aus: Gott bleibt trotz allem seiner Welt und seinen Menschen nahe. Er hat sich nicht zurückgezogen und die Welt sich selber überlassen. Diese Gewissheit gibt unserem Christ-sein eine große Weihe, Offenheit und Unvoreingenommenheit allen Menschen gegenüber. Wir sind verbunden mit allen, die Menschenantlitz tragen.

Gottes Nähe gibt jedem Menschen seinen Wert und seine Würde. Dies ermutigt uns zum Dialog mit allen Menschen, die guten Willens sind, denen das Geschick unserer Welt am Herzen liegt.

"Keinem von uns ist Gott fern." Gottes Nähe eröffnet uns Spiel-Raum: Raum zum Spielen und Ausprobieren, zum Erkunden und Erforschen der Welt und ihrer Geheimnisse. Gott geht damit ein großes Risiko ein. Wir können den Spielraum unserer Freiheit verspielen, Gottes Spielregeln für unser Leben in den Wind schlagen und uns seiner Nähe entziehen. Gott rückt uns fern. Gott wird uns fremd. Wir vergessen Gott und vergessen schließlich, dass wir Gott vergessen haben, das er uns unter der Hand abhanden gekommen ist, und wundern uns, dass die Welt so ist, wie sie ist.

"Keinem von uns ist Gott fern." Das klingt wie eine Gegenbewegung: Gott vergisst uns nicht ! Den in die Ferne und Fremde Gegangenen bleibt Gott nahe. Seine Gedanken, seine Liebe, sein Herz sehnen sich nach uns. "Ich will mich aufmachen und zu meinen Menschen gehen", sagt Gott, der uns nahe kommt, der unser Allernächster wird: Jesus, der uns entgegenkommende, der sich für uns zu Tode liebende Gott.

"Keinem von uns ist Gott fern". Werden wir ihm Zutritt gewähren zum Haus unseres Lebens? Lassen wir ihn mit uns unter einem Dach wohnen, in Reich- und Rufweite, als Ansprechpartner als Lebenspartner?

"Keinem von uns ist Gott fern." Das ist schließlich ein tröstlicher Satz für alle, die sich Gott ausliefern und zu ihm sprechen: "Barmherziger Gott, vergib mir alles was ich an Dir und den Menschen gesündigt habe. Ich traue Deiner Gnade und gebe mein Leben ganz in Deine Hand. Mach Du mit mir, wie es Dir gefällt und wie es gut für mich ist. Ob ich lebe oder sterbe, ich bin bei Dir und Du bist bei mir, mein Gott. Herr, ich warte auf Dein Heil und auf Dein Reich. Amen"
(Dietrich Bonhoeffer, Weihnachten 1943, Gefängnis Berlin-Tegel)

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich mit anderen auf den Weg machen und Gottes Nähe immer wieder suchen. Ihr Weg-Gefährte

Pfarrer i.R. Ronald Sporn, Neustadt
Falkensteiner Anzeiger, 30.06.2007