Nicht loslassen

Kennen Sie es noch, aus Ihrer Kinderzeit, das Spiel: nicht loslassen, festhalten!? Ein großer Kreis, jeder fasst die Hand seines rechten und linken Nebenmanns und dann geht es los: der Kreis bewegt sich, wogt hin und her, drückt nach außen, bis an einer Stelle die Kraft nicht mehr ausreicht. Die Hände lösen sich, der Kreis zerbricht.

Nicht loslassen, festhalten! In meinem Zimmer hängt eine Holzplastik - Christus mit der Dornenkrone, der Mann am Kreuz. Über mitgespielt haben sie ihm, die Soldaten des Hinrichtungskommandos. Die Zuschauer - sie machen sich über ihn lustig. Und Gott? Er hüllt sich in Schweigen.

Ich höre wenige Worte - aus dem Mund dieses Mannes: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."

Der Mann am Kreuz - er hat nicht losgelassen, die Menschen nicht, die ihn quälen und verspotten, Gott nicht, der ihm nicht beispringt und heraushilft. Er hält sich an ihm fest:

"Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!"

Wer ist er, der Mann am Kreuz? Ein Schwächling - ein Spinner - ein Übermensch?

Sein Geheimnis: ganz Mensch, der Gott nicht loslässt; ganz Gott, der uns Menschen nicht loslässt. Er ist das Kettenglied, dass in der Zerreißprobe nicht zerreißt, dem wohl das Herz bricht, der sich liebend an uns hingibt und vertrauend Gott anheim gibt. Er ist der Eine, der Himmel und Erde zusammenbringt, Gottheit und Menschheit in sich vereint und miteinander versöhnt.

Jesus Christus ist die Versöhnung für unsere Sünden.

1. Johannes 2, 2

Christen schauen voll Hochachtung auf alle, die Großes leisten und der Menschheit Gutes erweisen. Doch keiner nimmt die Stelle ein, die Jesus Christus innehat. Er in seiner Person ist die Versöhnung. Sie ist nicht von ihm ablösbar, eine allgemeine Wahrheit, ein Appell. Die Versöhnung ist an ihn gebunden. Deshalb ist Jesus Christus einzigartig und endgültig. Da gibt es nicht zu verbessern, hinzuzufügen oder durch andere "religiöse Angebote" zu ersetzen.

Die Versöhnung wirbt um unser Herz: Ihr Menschen, kommt nach Hause! Haltet nicht fest an eurem Stolz, eurem Eigensinn, eurer Rebellion gegen Gott! Lasst alles stehen und liegen, was euch hindert, Gottes Söhne und Töchter zu sein. Zu dieser "Mission" sind wir von Christus ausgesucht. Wir sind seine "Botschafter" in der Welt.

"Brückenbauer und Versöhner". Diese Worte wählte die Freie Presse in ihrer Wochenendausgabe vom 28./29.1.06 zum Tode von Johannes Rau, der bis 2004 das Amt des Bundespräsidenten innehatte. Er machte kein Hehl aus seinem christlichen Glauben, auch wenn er deshalb belächelt und als "Bruder Johannes" bezeichnet wurde.

"Ich halte stand, weil ich gehalten werde" und: "versöhnen statt spalten" sind Worte aus seinem Mund, die sein Denken und Handeln bestimmen. Besonders die weitere Aussöhnung mit Israel lag ihm am Herzen. Als erster durfte er auf deutsch vor Israels Abgeordneten der Knesseth in Jerusalem sprechen. Er wusste: Gottes Versöhnung ist nicht nur für den kirchlichen "Hausgebrauch" bestimmt (da wohl zuerst); sie will zugleich "einwandern" in die gestörten Beziehungen von Gruppen und Völkern und heilende Kräfte freisetzen.

"Jesus Christus ist die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt." Welch eine Vision: Gottes Versöhnung hat globale, ja sogar kosmische Dimensionen. Sie wird auch den Riss zwischen Mensch und Natur heilen und zusammenbringen, was jetzt noch schmerzlich getrennt ist, damit Gott sei alles in allem." (l. Korintherbrief 15, 28).

Gott wünscht sich von uns, dass wir seine Versöhnung akzeptieren und in unserem Umfeld proklamieren und praktizieren als "Vorhut" seiner einmal ganz und gar mit Gott versöhnten Welt. "Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen, gib mir den Mut zum ersten Schritt. Lass mich auf deine Brücken trauen, und wenn ich gehe, geh du mit." (Kurt Rommel)

Pf. i.R. Ronald Sporn, Neustadt
Falkensteiner Anzeiger, 30.03.2006