Wer bemerkt seine eigenen Fehler?

Wer bemerkt seine eigenen Fehler?
Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewusst ist.

Psalm 19,13

Zu Beginn muss ich gleich ein Geständnis machen: Auch Pfarrer sind nur Menschen. - Und als ein solcher habe ich mir im vergangenen Jahr, einer menschlichen Regung bzw. einer alten Leidenschaft folgend, nach siebenjährigen Abstinenz zwei Wochen vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft einen Fernseher gekauft. Aus heutiger Sicht bin ich mir nicht so sicher, ob dies nun ein Fehler war oder nicht, aber ich kann sagen, dass sich in der sogenannten Fernsehlandschaft doch einiges getan hat. Neben vielen eher oberflächlichen Programmen und so einigem Müll, der da über die Mattscheibe flimmert, habe ich doch eine ganze Reihe außerordentlich guter Sender und Sendungen gefunden, die ich als sehr wertvoll einstufen und nicht mehr missen möchte. Natürlich kenne ich jetzt auch das Elend, in der Nacht plötzlich mit einem steifen Nacken vor der immer noch laufenden Flimmerkiste aufzuwachen, weil ich vor Müdigkeit den roten Knopf auf der Fernbedienung nicht gefunden hatte. Aufgefallen ist mir allerdings beim "Herumzappen" zwischen den vielen Sendern, dass es derzeit eine große Häufung von Gerichtssendungen gibt, die schon am Tage ausgestrahlt, aber dann in der Nacht noch einmal wiederholt werden. Hierbei handelt es sich meist um authen-tische Gerichtsfälle, die für das Fernsehen aufbereitet und mit Schauspielern nachgespielt werden. Der Zuschauer kann nun den Wahrheitsfindungsprozess mitverfolgen und erlebt nicht nur, wie schwer die Wahrheit überhaupt herauszufinden ist, sondern vor allem, wie unterschiedlich das Rechtsempfinden bei verschiedenen Personen ausgeprägt ist, wie sich manche über geltendes Recht einfach hinwegsetzen, weil sie meinen, "der Zweck heilige die Mittel" oder wie aus scheinbaren Opfern im Laufe der Verhandlung plötzlich Täter und Mittäter werden. Ich vermute, dass doch viele diese Sendungen anschauen, sonst würden sie nicht in dieser Menge produziert und ausgestrahlt. Das Spannendste für mich bei den Sendungen, die ich bis zum Ende verfolgt habe, waren die Plädoyers und die eigentliche Urteilsverkündung. Da konnte man durchaus etwas über geltendes Recht und Rechtsempfinden erfahren, und die Urteile bzw. deren Begründungen machten zumindest auf mich als Justizlaien einen brillianten Eindruck. Aber seien wir mal ehrlich, bei der ganzen Sache ist von Seiten der Zuschauer auch ein bischen Voyeurismus dabei.

Mit unserem eigenen Fehlern würden wir uns nur sehr ungern in dieser Ausführlichkeit und Öffentlichkeit beschäftigen. Dagegen ist es schon ganz interessant und sogar spannend, am Fernseher mitzuverfolgen, wie so ein "Bösewicht" zur Anerkennung seiner Schuld gebracht wird und dann seine gerechte Strafe erhält. Das lässt einen als Zuschauer doch nicht kalt. Da geht man irgendwie mit, natürlich auf Seiten des Rechtes. Ich habe diesbezüglich den Eindruck, dass manche Funk- und Pressemedien die Funktion des mittelalterlichen Prangers auf dem Marktplatz übernommen haben, an dem die öffentlichen Sünder zur Schau gestellt und zum Gespött der Leute gemacht wurden. Gebracht hat das Ganze schon damals nicht viel, deswegen hat man den Pranger abgeschafft. Ändern muss sich ein Mensch, der schuldig geworden ist aufgrund von eigener Einsicht. Nur er selbst kann sich ändern. Manchmal kann man ihm helfen durch bessere Rahmenbedingungen, doch das Entscheidende muss derjenige selbst tun und er muss es wollen. Wir können andere Menschen nicht ändern, schon gar nicht durch Häme, Spott und Fingerzeigen. Mich beeindruckt nach wie vor ein Satz, den ich auf einer Spruchkarte entdeckt habe: "Weißt du nicht, dass Gottes Liebe die zur Umkehr treibt ?" - Das alles muss wohl auch dem Verfasser von Psalm 19 ganz klar gewesen sein, wenn er sagt: "Wer bemerkt seine eigenen Fehler? Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewusst ist." - Dieser Mensch geht einen sensationell anderen Weg als viele unserer Zeitgenossen. Er weiß, es lohnt sich nicht wirklich, sich mit Fehlern und Sünden anderer zu beschäftigen. Er sagt sich, wenn ich in dieser Welt etwas zum Positiven verändern will, muss ich bei mir selbst anfangen. Er geht also einen Weg der Selbstfindung, und obwohl er dabei auch auf seine dunklen Seiten trifft, kann er gelassen diesen Weg gehen, weil er weiß, dass es jemanden gibt, der ihm seine Schuldenlast abnimmt, nämlich Gott, an den er sich im Gebet wendet. Gott kann zwar das Böse nicht ungeschehen machen, aber er schenkt Verzeihung, so dass der Sünder nun erhobenen Hauptes einen neuen und besseren Weg suchen und einschlagen kann. Die wunderbare Erfahrung der verzeihenden Liebe Gottes wünscht ihnen allen von Herzen

Ihr Pfarrer Konrad Köst
(Kath. Pfarrei Hl. Familie - Falkenstein)
Falkensteiner Anzeiger, 27.09.2007