Versprochen ist versprochen

Ich habe dich je und je geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.

Jeremia 31,3

Ich schaue auf das Hochzeitsbild meiner Eltern. In ovalem Rahmen zwei glückliche junge Leute. Weißes Kleid mit Schleier, ein Rosenstrauß im Arm - die Braut. Smoking, Zylinder, schwarze Lackschuhe - der Bräutigam. Sie haben einen Bund fürs Leben geschlossen, sich einander versprochen: „bis dass der Tod uns scheidet”.

Knapp vierzig Jahre später. Mutter liegt im Krankenhaus - Schlaganfall. Was soll werden? Vater holt sie heim; übt mit ihr das Laufen, das Sprechen. Wenige Worte sind es, ein paar Schritte, mehr nicht. Es ist alles mühsam. Verwandte helfen. Frauen aus der Gemeinde kommen vorbei. Die meiste Zeit sind sie allein. Doch sie halten es aus. Sie halten sich aus, auch mit ihren Launen und ihrer Ungeduld. Sie halten zusammen: Bund fürs Leben. Versprochen ist versprochen. Meine Eltern fallen mir ein, wenn ich das biblische Wort für diesen Monat lese. Gott spricht: „Ich habe dich je und je geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.” (Jeremia 31,3) Gott schließt mit seinem Volk einen Bund, einen Bund fürs Leben. Er beginnt seine Geschichte, eine Liebesgeschichte. Aber das Volk schaut nach anderen Liebhabern aus. Sie versprechen Wohlstand und Glück. Was sie bringen, sind Herzeleid und Unglück. Aus der Heimat vertrieben, in fremdem Land, von Gott und Menschen verlassen. Auch in gewohnter Umgebung kann es uns so gehen. Wir fühlen uns heimatlos, fremd, verlassen. Das ständige Einerlei ödet mich an. Am Tage mag’s noch gehen, da bin ich abgelenkt. Aber in der Nacht, wenn ich wach liege: Die Angst kriecht hoch - vor Dingen, die ich nicht in die Reihe kriege; vor Menschen, mit denen ich nicht klar komme. Versäumnisse klagen mich an. Ich überspiele sie. Doch sie holen mich ein. Kein Antrieb mehr. Jeder Handgriff - eine Anstrengung. Was soll werden? Wer hört mir zu? Wer fängt mich auf? Wer hält mich fest?

Ich vernehme eine Stimme, SEINE Stimme, jetzt - beim Schreiben oder Lesen dieser Zeilen. Gott spricht: „Ich habe dich je und je geliebt.” Je und je - das heißt nicht dann und wann, ab und zu, - je nachdem, ob Gott Lust und Laune hat, oder je nachdem, ob ich mich ordentlich aufführe und eine gute Figur mache. Je und je - das heißt immer wieder, nicht hin und wieder. Ich habe dich stets geliebt, ohne Aufhören, ohne Unterbrechung, alle Stunden, alle Tage, ein Leben lang. Ich habe an dem Bund festgehalten, den ich mit dir geschlossen habe. Ich bin nicht auf und davongegangen. Ich bin dir nachgegangen. Auch in deine Sackgassen und Abgründe hinein. Ich habe mich nicht geschont. Ich habe mich für dich zu Tode geliebt. Ich habe dich zu mir gezogen, auf meine Seite, in meine Arme. Du bist aufgefangen, festgehalten „aus lauter Güte”. Nichts anderes hat mich bewegt - nur Güte. Nichts anderes kann dir wirklich helfen - nur Güte, lautere, reine unverfälschte Güte und Vergebung. Eine Zuwendung und Zuneigung, die nicht aus uns stammt, sondern von Gott kommt; die sich nie verflüchtigt und die auch im Sterben nicht endet. Versprochen ist versprochen. Was Gott verspricht, ist kein Versprecher, sondern ein Versprechen: „Ich habe dich je und je geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.” Trauen wir uns, seinem Versprechen zu trauen! Wagen wir den Schritt - heraus aus uns selbst - auf IHN zu! Ein Kind hat vor der Weihnachtskrippe gesungen: „In deine Lieb versenken will ich mich ganz hinab; mein Herz will ich dir schenken und alles, was ich hab.”

Wir können nichts Besseres tun, als in dieses Gebet einzustimmen.

Pfarrer i.R. Ronald Sporn, Neustadt
Falkensteiner Anzeiger, 28.08.2008