Wenn es ans Sterben geht ...

Von einem kleinen Jungen erzählt diese Geschichte, Christele, der eines Tages ins Krankenhaus kam. „Der tut’s nimmer lang“, so tuschelten die Kinder in den andern Betten. Eines Nachts, als alle schliefen, hörte er seinen Bettnachbarn husten und frage ihn leise: „Sag, musst du auch sterben?“, und nach einer Weile: „Was hältst du denn davon? Ich mein‘ – vom Sterben?“ „Ich? – Halt nix. Da geht man halt und ’s ist aus.“ „Und nachher?“ „Nachher ist’s wieder nix. Man begrabt einen und man kommt in einen Sarg und wird ’rausgetragen auf den Friedhof, und manchmal wird gesungen.“ „Ich mein’s nicht so. Was ist nachher mit einem selber?“ „Ich hab’ dir’s ja schon gesagt, was nachher ist – gar nix.“ „Aber etwas muss doch sein, und man möcht’s doch halt gern wissen“, murmelte er vor sich hin, dann schloss er die Augen und war still. Aber die Frage ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Am nächsten Tag wurde er noch einmal vom Chefarzt untersucht. „Gelt, mit mir kann man nix mehr machen?“ Der Chefarzt sah den Jungen an; so ein Erbarmen erweckendes Häufchen Elend von Haut und Knochen! Er sagte nichts, aber Christele verstand ihn, verstand das tiefe Mitleid, das das Herz dieses Mannes erfüllte und aus seinen Augen sprach. Als die Schwester den Jungen wieder zurückbringen will, übernahm es der Chefarzt selbst. Sorgsam wie eine Mutter hob er ihn auf und trug ihn hinüber. Im Saal angekommen, zögerte er einen Augenblick. Es lag so ein großes Hungern im Blick der Kinderaugen. Er neigte den Kopf bis zu des Jungen Ohr und flüsterte ihm leise zu: „Hab’ nur gar keine Angst – es tut nichts. Schau, gerade so, wie ich dich in dein Bett lege, so legt dich der Tod in Gottes Arme, sanft und lind zum Ausruhen, bis es an der Zeit ist, dass du wieder geweckt wirst.“ Damit legte er Christele sanft in die Kissen nieder. Christele lag mit großen, wachen Augen da. „Es tut nichts“, hatte er gesagt, gerade wie der kranke Nachbarsjunge – und doch, wie anders. Ja, jetzt wusste er doch ganz genau, wie der Tod war, und das machte ihn sehr ruhig und sogar ein wenig vergnügt. Wohin geht die Reise, wenn es ans Sterben geht? Ins bodenlose Nichts – oder in die Arme Gottes? Im Spruch für diesen Monat wird ein Name genannt, der sich mit unserem Namen verbinden will: „Wenn Jesus – und das ist unser Glaube – gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen.“ (1. Tessalonicher 4, 14)

„Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt, klein wird dein letzter sein. Den ersten gehn Vater und Mutter mit, den letzten gehst du allein.“

Nein – wir brauchen unsern letzten Schritt nicht allein zu gehen, wir gehen ihn zu zwein, zusammen mit IHM, der uns zur Herrlichkeit führt. Er wartet auf Menschen, die ihm ihre Hände entgegenstrecken, im Leben und im Sterben: „Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht. So nimm, HERR, meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!“

Pfarrer i. R. Ronald Sporn
Falkensteiner Anzeiger, 29.10.2009