Unser Leben – (k)ein Hundeleben!?

Suchet mich, so werdet ihr leben.

Amos 5,4

Ich erinnere mich an ein Erlebnis im Pfarrhaus Netzschkau. Eines Tages hat sich ein fremder Hund in unseren Hof verirrt, nass, schmutzig, mit struppigem Fell. Bald läuft er dem Kind nach, bald einem anderen. Wenn die Tür geht, spitzt er die Ohren und rennt hin. Als die Kinder zum Abendbrot gerufen werden, steht er draußen vor der Tür. Wir lassen ihn nicht ins Haus. Wir hätten ihn nicht behalten können. An diesen Hund muss ich denken. Er hat seine Freiheit, aber er hat kein Zuhause. Er ist sein eigener Herr, aber er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut. Ihm gehört alles, aber er weiß nicht mehr, wo er hingehört. Er hat seinen Herrn verloren. Es liegt mir fern, unser Leben mit einem „Hundeleben“ zu vergleichen, und doch geht es mir nicht aus dem Sinn: Wir Menschen haben unsere Freiheit, wir sind unser eigener Herr, uns gehört alles, die ganze Welt, aber: wir fühlen uns nicht so richtig wohl in unserer Haut. Wir haben die Dinge im Kleinen wie im Großen nicht im Griff, auch wenn wir Optimismus vortäuschen und den starken Mann oder die starke Frau spielen. Könnte es nicht auch bei uns Menschen daran liegen: Wir haben unseren Herrn verloren. Nun müssen wir allein klarkommen. Gott sieht, wohin das führt. Deshalb mischt er sich ein, nimmt das Wort und spricht Klartext:

„Suchet mich, so werdet ihr leben.“ (Amos 5,4 – Monatsspruch für Juni). Geht nicht auf Distanz, sucht Kontakt zu mir! Lasst euch auf mich ein, lasst mich in euer Leben hinein, lasst euch von mir berühren wie es zwischen Menschen geschieht, die sich lieben und füreinander öffnen! Gott hat alles in die Wege geleitet, damit es zu dieser Kontaktaufnahme kommt. Er sucht uns. Er sucht uns auf. Er sucht uns heim. Die Bibel erzählt diese Suchgeschichte Gottes. Trotz aller Enttäuschungen, Gott lässt sich nicht davon abbringen. Er selber betritt den Raum unseres Lebens. In Jesus von Nazareth höre ich seine Stimme: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ (Lukas 19,10) „Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen.“ (Johannes 10,10) Wer Gott an dieser Stelle sucht und sich von ihm finden lässt, der hört sein Versprechen: „... so werdet ihr leben“, aufleben, neu leben, für immer mit mir verbunden leben. Euer Leben wird zum Leben in der Nähe Gottes, und es wird kein „Hundeleben“ sein, das wir bei Gott finden. Er treibt nicht sein launisches Spiel mit uns, mal Zuckerbrot, mal Peitsche. Wir müssen uns nicht hündisch vor ihm ducken, und er gibt uns einmal nicht den letzten Gnadenstoß. Nein: Gott würdigt uns, seine Kinder zu sein, seine erwachsenen Söhne und Töchter, die er für voll nimmt. Er gibt uns einen weiten Spielraum. Er lässt uns entscheiden und handeln in eigener Regie. Aber es bleibt ein Unterschied gegenüber aller Eigenmächtigkeit: Wir wissen, wo wir hingehören und wem wir angehören – ihm, unserem Herrn. Das macht uns gelassen, wo andere kopflos werden; mutig, wo andere zittern; verantwortlich, wo andere „fünfe gerade sein lassen“; hoffnungsvoll, wo andere sich selbst und alles um sich herum aufgeben. Die Kraftquelle für solches Leben liegt nicht in uns. Der Christ Paulus bekennt: „Ich lebe, doch nun nicht ich, Christus lebt in mir.“ (Galater 2,20) Es kommt auf einen Versuch an, sich auf dieses Leben einzulassen. Gott hält, was er verspricht:

„Suchet mich, so werdet ihr leben.“

Pfarrer i.R. Ronald Sporn
Falkensteiner Anzeiger, 27.05.2010