Nur ein Traum?

Gott spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen.

Jesaja 2,4

Nur ein Traum? Was halten Sie von Träumen? „Träume sind Schäume“, sagen wir, meist zu Recht. Sie lösen sich in nichts auf, wenn wir wieder hellwach sind. „Traumbilder – Trugbilder“, sagen wir, und oft genug stimmt es. Wer ihnen folgt, wird in die Irre geleitet. Dennoch: Es gibt Träume, bei denen ist es anders. Sie nehmen vorweg, was einmal sein wird. Träume, die wahrnehmen, was Gott einmal wahrmacht. Gott tritt in Aktion. Zwistigkeiten werden behoben, Streitigkeiten gelöst. Die Völker atmen auf. Hammerschläge sind zu hören. Waffen werden zu Arbeitsgeräten umgeschmiedet. Nicht schießen und töten, sondern pflügen und ernten werden forthin das Leben bestimmen. Welch ein Bild von unserer Welt! Ist es ein Trugbild, eine Utopie – d. h. ein Ort, den es nirgends gibt, ein Traumland unserer Fantasie? Die Bibel sieht es anders. Kein Trugbild, sondern ein Hoffnungsbild, nicht von Menschen erdacht, sondern von Gott in Gang gebracht. Er schafft Recht. „Gott spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht.“ „Zurechtweisen“ – zugegeben: Wir haben es nicht gern, wenn uns jemand zurechtweist. Es schmerzt. Wir fühlen uns bloßgestellt. Es kann aber auch anders sein. Wir spüren es an der Art, wie jemand uns zurechtweist, ob er es gut mit uns meint und uns vor falschen Wegen bewahren will. Gottes Zurechtweisung hat diesen Zuschnitt: „zum Recht weisen“. Gott will uns mit sich zurechtbringen und alle Entzweiung beenden. „Alles, was recht ist!“, sagen wir manchmal entrüstet, wenn sich jemand ganz und gar nicht um das Gute und Richtige schert. „Alles, was Recht ist“ – nun ganz wörtlich genommen – darauf käme es an für unser Zusammenleben auf der einen Erde, zwischen Völkern, Gruppen, einzelnen Menschen: auf das Recht. Streitigkeiten könnten geschlichtet werden, wenn sich alle Konfliktparteien dem, was Recht ist, verpflichtet wüssten. Was aber ist Recht? Darauf ist immer wieder von Fall zu Fall nach einer angemessenen Antwort zu suchen, aber auf einer Basis, die uns alle verbindet: Jeder Mensch, wer auch immer, ist von Gott gewürdigt zu leben, menschenwürdig zu leben. Ich darf ihm und er darf mir nicht das Leben nehmen. Ich nehme einem Menschen das Leben, wenn ich ihm Angst mache, ihn in Armut, Hunger, Krankheit dahinvegitieren lasse, ihn vertreibe und vernichte. Ich gewähre einem Menschen das Leben, wenn ich in ihm den Mitmenschen sehe, den Gott mit sich versöhnen will, für den Gott genauso wie für mich alles drangegeben hat im Kreuzestod seines Sohnes Jesus Christus. In ihm sind wir mit Gott zurechtgebracht und werden instand gesetzt, rechtschaffen und Recht schaffend in unserer Welt zu wirken. Gott schafft Frieden. „Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen.“ „Schwerter zu Pflugscharen“ – das war einmal das Leitwort der Friedensbewegung in unserem Land. Was in Zeiten des kalten Krieges unmöglich schien, ist eingetreten: Raketen wurden abgebaut und Panzer verschrottet. Hoffnungszeichen – doch neue Konflikte brachen auf und kostentäglich Menschenleben. Denn wir leben noch in der alten Welt und sind noch nicht Menschen mit den neuen Herzen. Aber Gott ist am Werk und kann Herzen verwandeln. Scharfe Worte machen dem verstehenden Bemühen Platz, mit den Augen des anderen zu sehen und gemeinsam mit ihm nach Lösungen zu suchen. Es ist aller Mühe wert, Schritte des Friedens zu lernen, „mich der Gewalttätigkeit der Faust, der Zunge und des Herzens zu enthalten“ (Martin Luther King), statt verbrannter Erde fruchtbares Land, statt verseuchtem Wasser erquickendes Nass unseren Nachfahren zu hinterlassen: Brot und Wein durch Pflugschar und Winzermesser bereitet. Über solcher Mühe leuchtet die in Gottes Zusage begründete Hoffnung: „Du wirst dein herrlich Werk vollenden, der du der Welten Heil und Richter bist;du wirst der Menschheit Jammer wenden, so dunkel jetzt dein Weg, o Heilger, ist. (Evang. Gesangbuch 241,8) Wenn Gott endgültig Recht und Frieden schafft, dann werden wir sein wie die Träumenden. Aber es wird kein Traum sein, sondern die neue Welt Gottes, wo „wir, die Völker und die Thronen, vereint als Brüder wieder wohnen in unsers großen Vaters Haus.“ (nach EG 14,6)

Pfarrer i.R. Ronald Sporn
Falkensteiner Anzeiger, 28.10.2010