Hergeben!

Einer teilt reichlich aus und hat immer mehr; ein anderer kargt, wo er nicht soll, und wird doch ärmer

Sprüche 11,24

Ein schwäbisches Ehepaar macht eine Gletscherwanderung in den Alpen und dabei fallen beide in eine tiefe Gletscherspalte. Dort unten warten sie nun darauf, dass Hilfe kommt. Nach Stunden hören sie endlich von oben eine Stimme: „Hier ist der Rettungsdienst des Roten Kreuzes!“ Da antworten beide wie aus einem Munde: „Mir gäbe nix!“ Sicher ist das eine frei erfundene Geschichte, in der menschlicher Geiz auf die Schippe genommen wird. Aber eigentlich ist Geiz gar nichts Spaßiges. Die Bibel schreibt: „Geiz ist eine Wurzel alles Übels“ (1. Timotheus 6,10). Und wenn man darüber nachdenkt, merkt man: das stimmt! Auch Christen sind davor nicht gefeit. Geiz offenbart sein wahres Gesicht da, wo es uns schwer wird, etwas herzugeben. Das kann auf ganz verschiedenen Gebieten sein, je nachdem, woran unser Herz besonders hängt. Zwar wird Geiz oft kaschiert als „Sparsamkeit“, aber tatsächlich hat beides wenig mit einander zu tun. Gezielt sparen ist nötig, damit wir uns später bestimmte Dinge leisten oder bestimmte Ziele im Leben erreichen können. Geiz dagegen ist krampfhaftes Festhalten, wo eigentlich die Liebe Großzügigkeit gebieten würde. Der Geizige kann nicht anders, weil er sich, ohne dass er es merkt, an die vergänglichen Dinge dieser Erde gebunden hat und ihr Sklave geworden ist. Aus diesem Grunde können Geizige nach Aussage der Bibel auch nicht ins Reich Gottes kommen. (1. Korinther 6,10). Das Gegenstück von Geiz ist Großzügigkeit. Auch vor dreitausend Jahren zur Zeit des Königs Salomo gab es schon beides unter den Menschen, wie aus unserem Monatsspruch hervorgeht: Einer teilt reichlich aus – der andere geizt. Großzügigkeit hat nichts zu tun mit Leichtsinn, sondern sie erwächst aus der Liebe, Geiz dagegen erwächst aus dem Egoismus. Wenn ein Mensch Gott liebhat und dabei erkennt, wie großzügig Gott ihn mit Gutem beschenkt, dann wird es ihm ein Anliegen, selbst anderen Menschen gegenüber auch großzügig zu sein, ihnen etwas von dem Empfangenen weiterzugeben und dort zu helfen, wo es geboten scheint. Leider wird solche Großzügigkeit heute von vielen Hilfsorganisationen ausgenutzt, um in immer wieder neuen und zum Teil herzerweichenden Jammerbriefen Spenden einzutreiben. Heute muss man daher sehr bewusst abwägen, wo unsere Hilfe wirklich angebracht ist und welche Sache am Nötigsten unsere Unterstützung braucht. Unser Monatsspruch verrät uns dabei ein Geheimnis, das verstandesmäßig nicht zu begreifen ist: Der Großzügige wird durch sein Abgeben nicht ärmer, sondern reicher. Dem Geizigen dagegen bringt sein Geiz keinen Gewinn, sondern er ist der eigentlich Ärmere! Denn durch Geiz verliert man alle Freunde, man wird misstrauisch und ist stets in Unruhe um seinen Besitz. Vor allem aber: die Hauptwurzel des Geizes ist Blindheit dem eigentlichen Schatz, nämlich Gott selbst, gegenüber. Die Hilfe, vom Geiz loszukommen, heißt also: hergeben! Doch wer kann das? Derjenige, der in Jesus volles Genüge gefunden hat und zugleich mit seinem Versprechen rechnet: Wer hergibt, dem wird ein „voll, gedrückt, gerüttelt und überfließend Maߓ wiedergegeben (Lukas 6,38). Dabei macht man auch die Erfahrung, dass Hergeben und Schenken fröhlich macht und dass Gott dem, der abgibt, es oft sogar „hundertfältig wiedergibt“.

Es grüßt Sie herzlich Ihr Pfarrer i.R. Gneuß
Falkensteiner Anzeiger, 26.05.2011