Alles ist erlaubt!?

Alles ist erlaubt – aber nicht alles nützt.
Alles ist erlaubt – aber nicht alles baut auf.
Denkt dabei nicht an euch selbst, sondern an die anderen.

1. Korinther 10,23-24

„Alles ist erlaubt“!?. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diesen Satz lesen? Ich habe ihn mit einem Ausrufezeichen und einem Fragezeichen versehen. „Alles ist erlaubt“! Wunderbar! Dieser Satz atmet Freiheit, Spielraum, Einfallsreichtum, Entfaltungsmöglichkeit. Das hat mich in jungen Jahren am christlichen Glauben fasziniert. Keine Unsumme von Verhaltensregeln, was ich tun oder unterlassen muss. Kein ängstliches Schielen nach rechts oder links, dass ich ja nichts falsch mache. Ich kann aussprechen, was ich denke. Ich kann fragen, was ich nicht verstehe. Ich werde nicht schief angeguckt oder ausgegrenzt. „Alles ist erlaubt“! „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2. Korinther 3,17). „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.“ (Martin Luther). „Alles ist erlaubt“? Wirklich? Dieser Satz ist gefährlich, ein Freibrief für Leute, die sagen: Wenn alles erlaubtist, dann kann ich mir auch alles erlauben, um meine Interessen durchzusetzen und die Konkurrenten auszuschalten: zweifelhafte Geldgeschäfte, gnadenloser Raubbau an der Natur, Drohgebärden mit Superwaffen. „Alles ist erlaubt“ – wer diesen Satz so versteht, ist auf dem Holzweg. Schon der gesunde Menschenverstand sagt uns: Das kann nicht gut gehen. Da richten wir uns am Ende selbst zugrunde. Darum die Einschränkung: „aber nicht alles nützt“, „aber nicht alles baut auf.“ Ich stehe nicht mehr im Mittelpunkt. Die anderen, meine Mitmenschen hinterm Gartenzaun und überm Ozean, rücken ins Blickfeld. Was ist hilfreich für sie? Was tut ihnen gut? Was fördert das Zusammenleben? Was baut eine Gemeinschaft auf – in unserer Familie und Nachbarschaft, in einer Kirchgemeinde, einem Staatswesen? Hämisches Gerede, lieblose Kritik, bösartige Verdächtigungen? Diese Verhaltensweisen sind destruktiv. Keiner ist ausgenommen. „Die Menschen sind schlecht. Sie denken an sich, nur ich denk an mich.“ Stattdessen sollte ein anderer uns Vers leiten: „Der hat sein Leben am besten verbracht, der die meisten Menschen hat froh gemacht.“ Ein teilnehmendes Wort, eine stille Umarmung, eine zupackende Hilfeleistung, ein Besuch im Krankenzimmer, betende Hände für Menschen, die zu schwach oder zu selbstsicher sind. Wo es um die Liebe geht, sind unserem Einfallsreichtum keine Grenzen gesetzt. Da ist alles erlaubt, wie es der Kirchenvater Augustinus im 4. Jh. n Chr. auf den Punkt bringt: „Liebe, und tue, was du willst.“ Bleibt die Frage, woher diese Liebe kommt. Aus unserem gesunden Menschenverstand? Da geht es eher nach dem Motto: „Jeder denkt an sich selbst zuerst.“ Gott hat es anders gehandhabt. Er hätte bei sich bleiben können, aber er hat zuerst an uns gedacht und sich für uns dahingegeben in Jesus Christus. ER ist die Quelle, aus der sich die Liebe speist: „Siehe, so fließt aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, umsonst dem Nächsten zu dienen.“ (Martin Luther) Es käme auf einen Versuch an, dieses Leben auszuprobieren. Ich wünsche Ihnen dabei gute Erfahrungen.

Pfarrer i.R. Ronald Sporn, Neustadt
Falkensteiner Anzeiger, 26.01.2012