Tempel des lebendigen Gottes

Wir sind der Tempel des lebendigen Gottes.

2. Korinther 6, 16

Manchmal grüßt man sich etwas flapsig „Sei gegrüßt, du altes Haus!“ Als der Apostel Paulus diesen Satz an die junge Gemeinde in Korinth schrieb, stand noch das Prachtexemplar von einem Haus, der Tempel in Jerusalem. Wegen ihm haben sich aus der damalig bekannten Welt Tausende und Abertausende auf den Weg gemacht, um ihn einmal aus allernächster Nähe zu sehen.

Das Gebäude an sich war eine Weltreise wert. Aber bei den allermeisten, die sich dorthin auf den Weg machten, stand noch ein ganz anderer Beweggrund. Es war ja nicht nur ein faszinierendes Bauwerk, sondern es war das Gebäude, dem der lebendige Gott in ganz besonderer Weise seinem Volk Israel seine Nähe zusicherte.

Das galt allerdings nur, wenn sie tatsächlich seine Nähe suchten - in guten Zeiten, wo sie ihn ihren Dank bringen wollten, aber genauso in schweren Zeiten, wo sie ihn um seine Hilfe baten. Das war im Leben des Volkes Israel so etwa ein ganzes Jahrtausend lang gängige Praxis und im wahrsten Sinne des Wortes in Fleisch und Blut übergegangen.

Als der Apostel Paulus diesen 2. Brief an die Gemeinde in Korinth schrieb, wusste er nicht, dass etwa 15 Jahre später, im Jahr 70 nach Jesus, der Tempel in Jerusalem von den Babyloniern dem Erdboden gleich gemacht wurde.

Aber Paulus wusste etwas anderes: Da das Volk Israel, Jesus als Heiland und Messias abgelehnt hat, hat Gott die Nachfolger Jesu als seine Kinder angenommen. Von nun an, war nicht mehr der Tempel aus Steinen in Jerusalem der Ort, wo sich der lebendige Gott offenbart, sondern überall (weltweit) dort, wo Christen in seinem Namen zusammen kommen.

Deshalb kann Paulus den Christen in Korinth schreiben: „Wir sind der Tempel des lebendigen Gottes.“ Es war ja die Zeit, in der es die Christen nicht leicht hatten. Die Obersten des Volkes Israel verfolgten sie und machten ihnen das Leben schwer. Und wie schon angedeutet, 15 Jahre später begann die schlimmste Christenverfolgung unter Kaiser Nero, die 300 Jahre andauerte.

„Wir sind der Tempel des lebendigen Gottes“ war also keine exklusive Anmaßung, sondern Trost und Stärkung in schweren Zeiten. Und so ist das geblieben bis heute. Daran hat sich nicht das Geringste geändert.

Überall dort, wo Menschen in Jesu Namen zusammen kommen, dort hat Jesus versprochen, bei ihnen zu sein. Gemeinde Jesu am Ort und weltweit ist also die Stelle, wo sich der lebendige Gott zu erkennen gibt. Manche bezeichnen die Kirchtürme als den „Zeigefinger Gottes“. Dabei ist uninteressant, wie hoch der Turm oder wie fein das Gebäude aussieht. Viel wichtiger ist es, was darin geschieht, und welche Beziehung ich als Einzelperson dazu habe.

Mein Wunsch ist es, dass Sie als Leser dieses Artikels die Sehnsucht danach – und noch besser – die Gewissheit haben, Teil dieses Tempels zu sein. Ein erster Schritt wäre, dass Sie sich dort regelmäßig mit all den anderen Christen treffen, um die Nähe Gottes zu suchen und zu feiern.

Pfr. i.R. Volkmar Körner
Falkensteiner Anzeiger, 25.10.2012