Auch das Böse annehmen?

Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?

Hiob 2,10

Es fällt mir nicht leicht, Gedanken zu diesem Text zu äußern. In diesem Jahr hatten wir ungewöhnlich viele „Hiobsbotschaften“ persönlich zu verkraften. Aber vielleicht habe ich gerade deswegen diesen Text zu bedenken.

Es tröstet mich, dass Hiob solche und solche Zeiten hatte. Er hatte Zeiten, in denen sein Vertrauen auf Gott groß und fest war, aber auch Zeiten, in denen er fast kein Vertrauen mehr hatte und Gott anklagte. Die Bibel ist total ehrlich. Das macht sie so wertvoll.

Aber: was will ich lernen aus Hiob 2,10:

Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?

Wir haben viel Gutes von Gott empfangen, aber wir buchen Gutes oft auf unser eigenes Konto.

Schlechtes, was uns begegnet, erzeugt oft die aufmüpfige Frage: „Wie kann Gott das zulassen?!“ oder „Womit hab ich das verdient?!“ Mit solchen Fragen setzen wir Gott auf die Anklagebank – aber das geht gar nicht!!! In Römer 9,20 steht: „Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst?!“ Gott ist allmächtig, souverän, nicht hinterfragbar und erst recht nicht anklagbar!

Die Welt, wie wir sie heute erleben (mit Leid und Tränen, Krankheit und Tod), ist nicht die Welt, die Gott gewollt hatte. Es ist die Welt jenseits von Eden. Die Welt, die Gott geschaffen hat, war „sehr gut“, so steht es in 1. Mose. Dann kam die Sünde, die wir Menschen zu verantworten haben. Die Sünde hat Gottes gute Welt kaputt gemacht. Es ist also unser Problem, nicht Gottes Problem!

Manfred Siebald hat die Frage „Womit hab ich das verdient?“ in einem Lied umgekehrt, er singt:

„Womit hab ich das verdient – diesen Überfluss, dass ich essen kann und dass ich nicht hungern muss? Auch wenn ich nicht reich bin, bin ich viel besser dran als so mancher, der nicht leben und nicht sterben kann.“ Das Gute, das wir erleben, sollte uns zu echter Dankbarkeit Gott gegenüber führen. „Gottes Güte will uns zur Umkehr treiben“ (Römer 2,4). Wir aber glauben, Gott in unseren starken Stunden nicht nötig zu haben. Wir degradieren ihn zum Lückenbüßer und zum Nothelfer, wenn wir nicht mehr weiter wissen. So kann man Gott nicht abspeisen! In Psalm 103 steht: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“

Bei Negativem, was uns begegnet, sollten wir nicht fragen: „Herr, warum lässt du das zu?“, sondern: „Was hast du damit vor?“.

Christen haben keine Leidverhinderungsversicherung abgeschlossen. „Komm zu Jesus, und alles wird gut!“, das steht nicht in der Bibel, nein – in der Bibel steht sinngemäß, was ein Lied so ausdrückt: „Gott macht nicht alle Hügel glatt, doch wird er Wege zeigen, um Berge, die du nicht versetzen kannst, mit ihm zu ersteigen.“ (siehe Psalm 68,20)

Peter Hahne schreibt: Je größer das Leid ist, desto näher ist mir die schützende und bergende Hand Gottes. Unser Leid ist nicht die Situation unseres Lebens, wo Gott am weitesten von uns entfernt ist, uns gar verlassen hat. Im Gegenteil. Es ist der Augenblick, wo er uns ganz besonders nahe ist. Im Leid wird mir meine Ohnmacht, aber gleichzeitig auch Gottes Allmacht bewusst. Gott holt uns vielleicht nicht aus dem Leid heraus, aber er kommt auf jeden Fall in unser Leid hinein.

Lesen Sie mal Psalm 73! Der Psalmbeter ist verzweifelt und irritiert: Warum geht es Menschen, die ohne Gott leben, gut und mir, der ich nach Gott frage, so schlecht? In Vers 17 findet ein Ortswechsel statt: vom quälenden Drehen um sich selbst wendet er sich Gott zu. Im Licht der Ewigkeit erkennt er die Vorläufigkeit seines Leidens und zugleich die Vorläufigkeit des Glückes der Gottlosen. Aus der anklagenden Frage an Gott wird ein betendes Gespräch mit Gott.

Lesen Sie mal noch Jesaja 43,1-2. Da wird ganz deutlich: Geborgen zu sein in der Hand Gottes, das gilt gerade dann, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht und der Kummer uns verzehren will.

Zum Schluss noch ein Bild, das mir sehr geholfen hat: In Israel steht ein Hain junger Palmen. Die zierlichen Pflänzchen haben alle einen Stein in der kleinen Baumkrone. Sie sollen am schnellen Hochwachsen gehindert werden. Erst sollen sie Wurzeln treiben. Welch ein Bild für unser Leben. Gott legt uns manchmal Lasten auf, nicht um uns zu quälen, sondern um uns festzuwurzeln im Vertrauen auf ihn, damit die Stürme uns nicht umwerfen können und wir das Ziel nicht verfehlen. Gott hat nur ein Ziel mit uns: dass wir eines Tages bei ihm in der Herrlichkeit ankommen. Dahin will er uns ziehen in Liebe und im Leid.

Ihr Gilbrecht Schäl
Falkensteiner Anzeiger, 24.09.2015


„Es war ein Mann im Lande Uz, sein Name war Hiob. Und dieser Mann war rechtschaffen, aufrichtig und gottesfürchtig und er mied das Böse. Ihm wurden sieben Söhne und drei Töchter geboren. Und sein Besitz bestand aus siebentausend Schafen und dreitausend Kamelen und fünfhundert Gespannen Rinder und fünfhundert Eselinnen …“ Was braucht man mehr zum glücklich sein?! Doch über Nacht verliert Hiob seine Kinder und allen Besitz. Was nützen alle Gebete? Was nützt Verantwortung, Ehrlichkeit und Frömmigkeit? Ist das nun der Lohn für alles? Womit habe ich das verdient? Gibt es einen gerechten Gott? Da kommen Fragen und Zweifel auf. Könnte ich das aushalten oder würde ich daran zerbrechen?

Als Hiob dann auch noch schwer erkrankte, spricht seine Frau: „Hältst du noch fest an deiner Vollkommenheit? Fluche Gott und stirb!“ Der Volksmund sagt: „Tu nichts Gutes, dann widerfährt dir nichts Böses“. Auch sagt der Volksmund: „Du bekommst im Leben nichts geschenkt“. Wer sich etwas leisten will, der muss erst einmal etwas leisten. Für alles müssen wir hart arbeiten - manchmal auch mit kleinen Tricksereien. Können wir uns dabei Rücksicht, Weitsicht, Nachhaltigkeit leisten? Eigene Kinder stehen oft der Karriere und dem Erlebnisdrang im Wege. Kurzsichtig beuten wir die natürlichen Ressourcen dieser Erde aus, um für uns selbst bescheidene Besitzstände zu sichern. Nur einige wenige Menschen verdienen richtig kräftig daran. Das bisschen Wohlstand, für den die einfachen Leute hart arbeiten müssen, mag man dann auch nicht gern mit fremden Menschen teilen …

Die Hiobsgeschichte aus der Bibel beschäftigt sich mit der Frage: Was hat das alles mit Gott zu tun? Die Antworten könne sehr verschieden sein. Für Hiobs Frau scheint die Sache klar: Da ist kein Gott auf den du vertrauen kannst. Und später werden Hiobs Freunde sagen: Du hast in deinem Leben irgendwas verkehrt gemacht. Beides kann ich nachvollziehen. Beides entspricht menschlicher Logik - nach der Devise: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“ Doch Hiob sieht die Dinge ganz anders: „Das Gute nehmen wir von Gott an; da sollten wir das Böse nicht auch annehmen?“

Von Hiob kann ich lernen: Vieles in meinem Leben habe ich nicht in der Hand. Es gibt keine Sicherheiten. Ich habe keinen Anspruch auf Wohlergehen und Glück. Dass ich lebe und gesund bin, habe ich mir nicht selbst verdient. Ich kann auch nichts dafür, dass ich in einem Land geboren wurde, wo es Frieden, Arbeit, Sozialleistungen, genug Nahrung, Kleidung und Wohnraum gibt. Das alles ist nicht selbstverständlich - es kann auch über Nacht ganz anders kommen. Und dann stehe ich mit Hiob plötzlich auf der Seite derer, die verzweifelt für sich einen Ausweg suchen aus Elend und Not. Glück und Wohlergehen sind mir geschenkt. Also ist da auch einer, der Geschenke zuteilt und dem ich dafür wenigstens danken sollte. Hiob: „Der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen, der Name des HERRN sei gepriesen.“

Hiob findet keine theoretische Antwort auf die Frage nach einem gerechten Gott. Er hat stattdessen gelernt, mit dem eigenen Leben Antwort zu geben. Denn er sieht sein eigenes Lebensgeschick und alles Glück und Unglück dieser Welt in einem einzigen großen Zusammenhang: Alles hat mit Gott zu tun und darum habe ich in allem mit Gott zu tun - was auch immer in meinem Leben geschieht.

Wer so über den eigenen Tellerrand schaut, gewinnt Weitsicht und auch Rücksicht und Verantwortung, kann Gutes mit anderen Teilen und in bösen Zeiten auf Guttaten hoffen.

Nur eines wusste Hiob noch nicht: Im gekreuzigten Christus hat Gott Böses und Leiden auf sich genommen um alle Menschen zu erlösen. Wenn mir Böses geschieht, dann ist mir Gott ganz nahe. Er leidet mit, wo immer Menschen leiden. Als der Auferstandene Christus hat er sogar dem Tode die Macht genommen. Wer an ihn glaubt, findet letzte Geborgenheit, findet Glück auch im Leid, findet Frieden für sich und für die Welt.

Darum: Glaube an Jesus Christus und finde bei ihm das Leben!

Herzlich grüßt sie Pastor Norbert Lötzsch
Falkensteiner Anzeiger, 24.09.2015