Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen

Der Herr gab zur Antwort: Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen. Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will.

2. Mose 33, 19

Ist das nicht herrlich! So ruft jemand aus, wenn er überwältigt ist von herausragender Größe, Pracht, Schönheit oder auch Macht und Erfolg. Mose bettelt und fleht: Gott, lass mich deine Herrlichkeit sehen! Viele Menschen sehnen sich danach. Häufig ist dies auch der Inbegriff religiöser Hoffnung, das Ziel aller religiösen und moralischen Bemühungen: „Wenn nach der Erde Leid, Arbeit und Pein ich in die goldenen Gassen zieh ein ... Das wird allein Herrlichkeit sein.“ Doch Mose will nicht bis dahin warten. Jetzt und hier will er Gottes Herrlichkeit sehen. Er braucht ein sichtbares Zeichen, welches ihn vergewissert und möglichst auch alle anderen überzeugt, ja überwältigt. Er ist bitter enttäuscht von seinem Volk, für das er alles eingesetzt und gegeben hatte. Jetzt wollen die Leute nichts mehr von ihm und seinem Gott wissen. Gott hatte sie mehrfach vor dem sicheren Tod gerettet. Mit Mose an der Spitze hatte Gott dieses Volk aus der Sklaverei in die Freiheit geführt. Durch Mose hatte ihnen Gott Gebote gegeben, die das Leben in der Freiheit schützen, ja überhaupt erst ermöglichen. Von all dem wollen die Leute nun nichts mehr wissen. Lieber tanzen und beten sie bei einem goldenen Kalb - einem Gott, den sie sich selbst gemacht haben aus allem nur verfügbaren Reichtum und Schmuck. Einen Gott zum Anfassen kann man handhaben, für die eigenen Zwecke ge- und missbrauchen. So krönen und vergöttern sie sich selbst. Jetzt wird gefeiert. Jetzt gelten nur noch die eigenen Gebote: Ich zuerst, wir zuerst, unser Recht, unser Wille. Hauptsache Spaß und Gold. Und damit verlieren sie die verheißungsvolle Zukunft.

Wo Menschen nur sich selbst und ihre eigene Herrlichkeit sehen, da ist von dem wahren, lebendigen Gott nichts sichtbar. So kann ich den Wunsch des Mose verstehen. Und Gott versteht ihn auch. Nicht immer antwortet Gott auf menschliche Wünsche, und schon gar nicht sofort. Hier geschieht beides. Gott antwortet und erfüllt die Bitte des Mose. „Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüber ziehen lassen.“

Was ist Schönheit? Über Geschmack kann man bekanntlich nicht streiten. Jede Zeit, jede Kultur hat ihre eigenen Schönheitsideale. Man vergleiche nur einmal die Bilder des Barockmalers Peter Paul Rubens mit den Bildern heutiger Mode- oder Kosmetikwerbung. Aber vielleicht kennen Sie auch dies: Da ist ein Mensch, der nicht hundertprozentig dem geltenden Schönheitsideal entspricht, unscheinbar, leicht zu übersehen oder gar abstoßend (rein äußerlich!). Wir beachten diesen Menschen gar nicht. Und dann lernt man sich doch kennen - vielleicht eher zufällig - und entdeckt andere Qualitäten. Dann wird dieser Mensch in unseren Augen schön, weil er Güte, Wärme, Freundlichkeit ausstrahlt. Oder andersherum: Wir erschrecken über Menschen mit einem „schönen“ Äußeren, wenn sie einen hässlichen Charakter haben. So sind wir Menschen: lassen uns gern vom äußeren Schein blenden und auch verführen, von selbstgemachter Schönheit nach der Mode der Zeit. Oberflächlich: Hauptsache Spaß und Gold. Selbstherrlich: Hauptsache ich.

Gott ist ganz anders. Sein Name: „Ich bin der ich bin - gestern, heute und in Zukunft“. Seine Herrlichkeit ist Barmherzigkeit und Gnade: „Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will.“

Gnade ist alles, was unverdient ist: Gesundheit, Freiheit, Sicherheit, Wohlstand, Herkunft, Bildung, Erziehung ... das ganze Leben. Womit hätten wir das verdient und wie hätten die es verdient, die das alles nicht haben?

Barmherzigkeit ist die mitleidende Liebe, die rettet, hilft, heilt und befreit. Gnade und Barmherzigkeit sind Gottes Geschenk, das kein Mensch sich verdienen kann und kein Mensch verdienen muss. Gottes Herrlichkeit ist nicht handhabbar, nicht zum Anfassen und nach dem äußeren Schein nicht einmal zum Anschauen - und doch sichtbar, greifbar und angreifbar geworden in dem Menschen Jesus von Nazareth. In Ihm opfert sich die Gnade und Barmherzigkeit Gottes - leidet und stirbt, um alle Menschen, um die ganze Welt zu retten. „Da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte“, schreibt der Prophet Jesaja.

Wollen wir uns weiterhin vom äußeren Schein der Dinge blenden, und verführen lassen? Wollen wir weiterhin selbstherrlich und oberflächlich unseren selbstgemachten Götzen dienen und mit Spaß und Gold die Schöpfung, unsere eigene Zukunft und die unserer Kinder verderben? Oder kann es gelingen, dass sich Gnade und Barmherzigkeit in unserem eigenen Leben entfalten - zum Wohle aller Mitmenschen, der ganzen Schöpfung und zum eigen Heil? Gott ist Quelle und Ziel allen Lebens, Anfang und Ende, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Seine Herrlichkeit ist Gnade und Erbarmen - offenbar und zugleich verborgen in dem gekreuzigten und auferstandenen Christus. Und wir müssen uns entscheiden!

Es grüßt Sie Pastor Norbert Lötzsch
Falkensteiner Anzeiger, 28.07.2016