Dass eure Liebe immer noch reicher werde

Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung.

Philipper 1,9

Paulus schreibt aus dem Gefängnis an die Christen in der Gemeinde Philippi. Er beginnt seinen Brief mit einem Gebet, mit Dank und mit einer Bitte: Dass die Adressaten in ihrer Liebe wachsen. Gemeint ist die Liebe zu Gott und – untrennbar damit verbunden – die Liebe zum Mitmenschen. Das dreifache Liebesgebot - Gott lieben und den Nächsten lieben wie sich selbst - ist nicht nur das höchste Gebot für Christen und Juden. Jesus sagt, dass in diesem Gebot alle Weisung und alle Lehre der heiligen Schriften zusammengefasst sind. Alles was Christen glauben, lehren und tun, muss sich an der Liebe messen lassen. Die Liebe ist der tiefste Grund, Sinn, Zweck und Inhalt des christlichen Glaubens: Gott ist Liebe, alles Geschaffene und alles Leben verdankt sich der Liebe Gottes, die sich in Jesus Christus vollkommen in Menschengestalt zeigt, die sich am Kreuz aufopfert zur Rettung der verlorengegangenen Welt, die zu Ostern den Tod besiegt hat und die am Ende der Zeit alles in allem sein wird. Christ-Sein bedeutet, der Liebe zu vertrauen und dem Weg der Liebe zu folgen. Christen sind damit auch beteiligt an der Schaffung einer Welt, in der nur noch die Liebe regiert.

Man mag solchen Glauben belächeln angesichts einer Wirklichkeit, in der Liebe wenig gefragt und auch riskant und gefährlich ist. Kann man mit Liebe den Terror überwinden? Kann man im harten Konkurrenzkampf um Märkte und Ressourcen mit Liebe die eigene Existenz sichern und das Leben derer, für die man Verantwortung trägt? Ich bin mir nicht sicher! Es gibt viele Erfahrungen und Erkenntnisse, die dagegen sprechen. Ist der Glaube an die Liebe naiv? Ist er weltfremd, bloßer Wunschtraum, Utopie, Märchen? Auch in den Märchen der Völker ist es immer wieder die Liebe, die sich am Ende durchsetzt und alles Böse besiegt. Ist das nur unerfüllbare Sehnsucht der Menschheit, oder sind auch die Märchen Ausdruck von Erfahrung und Erkenntnis einer tiefen Wahrheit? Es gibt solche Erfahrung. Viele Menschen haben sie in der Nähe Jesu gemacht - davon erzählen die Berichte der biblischen Evangelien. Und wer mit offenen Sinnen und mit einem offenen Herzen durch das Leben geht, kann es selbst entdecken.

Ich will glauben, dass die Liebe alles trägt und sich am Ende durchsetzen wird. Glaube ist Vertrauen ohne Absicherung. Der Glaube hat keine Sicherheit. Aber er hat Verheißung und damit die Zukunft. Im Glauben begegnet mir Jesus persönlich als Garant für die Kraft der Liebe. Dabei ist der christliche Glaube zutiefst realistisch: bevor die Menschgewordene Liebe Gottes den Tod endgültig überwindet, muss sie leiden und große Opfer bringen. „Wer mir folgen will, der muss sein eigenes Kreuz tragen“, sagt Jesus. Aber am Ende wird alles gut. Ich will IHM und seiner Verheißung vertrauen. Ich will mich IHM anvertrauen und mich von IHM retten, befreien und tragen lassen. Das geht aber nicht automatisch und das schaffe ich nicht allein aus eigener Kraft. Wie Paulus muss und darf ich darum bitten, dass Gottes Heiliger Geist den Glauben und die Liebe in mir bewirkt und wachsen lässt, indem er mir Liebes-Erfahrungen vermittelt und mich so in die Erkenntnis der Wahrheit über die göttliche Liebe leitet.

Dass Liebe unterschiedlich intensiv sein kann, wissen wir aus dem alltäglichen Leben. Es fällt mir nicht leicht, jedem Menschen mit Liebe zu begegnen. Ich brauche Wachstum an Erkenntnis und Erfahrung in der Liebe zu Gott und den Mitmenschen. Das verlangt Einsatz, das braucht Zeit, das bedeutet auch Arbeit und bewusste Entscheidung. Heutzutage wird die Liebe oft auf ein Gefühl reduziert, das da ist oder auch nicht, das auch wieder weggehen kann. Der biblischen Vorstellungswelt ist so ein romantischer Blick auf die Liebe eher fremd. Und so sehr ich auf die romantische Liebe nicht verzichten mag, so sehr muss ich mich an die Liebe als Arbeit und bewusste Entscheidung immer wieder erinnern lassen. Das macht mich achtsamer und engagierter in der Liebe. Erfahrungen mit und in der Liebe mache ich nur, wenn ich liebe – Gott und den Nächsten. Das wünsche ich auch Ihnen, „dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung.“

Herzlich grüßt Sie Pastor Norbert Lötzsch
Falkensteiner Anzeiger, 29.06.2017