Wunsch nach Rache überwinden

Sprich nicht: »Ich will Böses vergelten!« Harre des HERRN, der wird dir helfen.

Sprüche 20,22

Liebe Leser,

im Gesetz des Volkes Israel, im 2. Buch Mose, heißt es: Entsteht (durch Gewaltausübung) ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß,... (2. Mose 21,23-24)

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“, das ist sprichwörtlich geworden und wird heute vielfach verstanden als eine Aufforderung zur Rache. Dieses Gesetz meint jedoch das Gegenteil. Es untersagt einerseits die in Konflikten so oft vorkommende Eskalation. Der Geschädigte, der im Streit zum Beispiel sein Auge verloren hatte, durfte dem Schädiger nur sein Auge aus- aber nicht zusätzlich noch seine Nase einschlagen. Das gewährt dem Geschädigten damit auch einen Ausgleich. Wer durch Gewalt oder Unrecht einen Schaden erlitten hat, braucht und wünscht den Ausgleich. Er möchte Gerechtigkeit. Das ist zutiefst menschlich. In unserem Rechtssystem wird der Ausgleich nicht durch Selbstjustiz geschaffen, sondern indem der Geschädigte seine Sache an ein Gericht oder die Versicherung abtritt. Den Ausgleich, den die Versicherung oder das Gericht schafft, muss der Geschädigte dann akzeptieren. Das ist für ihn manchmal schwer, weil zum materiellen Schaden oft auch das Gefühl der Beleidigung und Demütigung hinzukommt, oder wenn ein Gewaltverbrechen dem Opfer die Gesundheit oder einen Angehörigen genommen hat. Da bleibt oft der Wunsch nach Rache zurück.

Das Sprichwort fordert dazu auf, diesen Wunsch nach Rache zu überwinden. Denn er zerstört die Seele. Es bleibt ein ständiger Unfrieden im Herzen. Wir können diesen Unfrieden, diese Rachegefühle, an Gott abgeben und ihn um Frieden bitten. Wir können darauf vertrauen, dass Gott sich unserer Sache annimmt, uns hilft, trotz des erlittenen Unrechtes befreit und unbeschwert weiterzuleben. Zorn über erlittenes Unrecht ist wie eine Kette, die mir die Freiheit nimmt. Er beherrscht mich, schränkt mein Leben ein, nimmt mir die Freude. Zorn und Rachegefühle suchen sich immer neue Opfer und werden trotzdem nicht gestillt. Gott wird mir helfen, Frieden schaffen, wenn ich es an ihn abgebe. Der Apostel Petrus schreibt an seine Gemeinden: Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen erbt. (1. Petrus 3,9) Überwindung von Rache und Zorn ist möglich, wo wir mit Christus verbunden sind. Denn von ihm empfangen wir viel mehr, als uns Menschen nehmen können.

Falkensteiner Anzeiger, 27.06.2019