Euer Herz erschrecke nicht!

Jesus Christus spricht:

Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

Johannes 14,1

Diese Worte aus dem Johannesevangelium haben für mich einen tröstlichen Klang. Da steht einer vor uns, der weiß, wie's uns ums Herz ist. Wie unser Herz aufgeregt und verwirrt ist, wie es zittert und zagt: Vor einer unheilbaren Krankheit; beim Verlust eines lieben Menschen; beim Drandenken an verfahrenes Leben: z.B. ein Mensch ist mir fremd geworden, wir leben zusammen, doch jeder lebt für sich allein wie soll es weitergehen? Oder: mein guter Ruf ist beschädigt, ich bin falschen Verdächtigungen ausgesetzt wie soll ich reagieren?

Ich spüre meine Hilflosigkeit. Vieles im Leben kann ich bewältigen, verändern oder mich ihm entziehen durch meine Willensanstrengung oder meine Klugheit. Aber es gibt Wirklichkeiten, denen ich nicht gewachsen bin, die mich in die Knie zwingen, vor denen ich kapitulieren muss. Wirklich, ist das so?

Es steht einer vor uns und sagt: "Euer Herz erschrecke nicht!" Er sagt nicht: Angsthase! Beiß die Zähne zusammen! Da musst du durch! Oder: Nimm's nicht so tragisch! Es renkt sich schon wieder ein. Kommt Zeit, kommt Rat! Oder: Wir halten zu dir. Lass die andern reden!

Gutgemeinte Worte. Sie helfen manchmal ein Stück weiter. Aber unser Herz lässt sich damit nicht beschwichtigen. Es meldet sich wieder. In der Tiefe zittert es, und ihm ist bange.

Unser banges Herz hört eine Stimme: "Euer Herz erschrecke nicht!"

Ich erinnere mich an ein Erlebnis aus meiner Kindheit. Wir hatten Heidelbeeren gepflückt und waren auf dem Heimweg. Da überraschte uns ein Gewitter im Wald. Ganz dunkel war's, und dann brach es los: Es tobte, blitzte und krachte. Da sagte mein Vater zu mir: "Hier hast du meine Hand, halt dich fest!" Unserm Erschrecken und Zittern begegnet Jesus mit dem Ruf zum Glauben: "Glaubt an Gott und glaubt an mich!" Das ist kein Allerweltsglaube. "Einen Glauben muss der Mensch haben," sagen manche, "man darf nur den Glauben nicht verlieren."

Glauben heißt: "Hier hast du meine Hand, halt dich fest!" Es ist die für uns durchbohrte Hand Jesu Christi, die sich uns entgegenstreckt. Wir müssten vor Gott vergehen, gäbe es diese Hand nicht, diese Stimme, die spricht: "Hier hast du meine Hand, halt dich fest!" Nicht das harte, hochfahrende von sich eingenommene Menschenherz hört diesen Ruf, sondern nur das vor Gott erschrockene Herz vernimmt und beherzigt ihn: "Glaubt an Gott und glaubt an mich!" Und wenn unser Glaube schwach und kümmerlich wird, wenn unsere Menschenhand erschlaffen will, dann wird sie umschlossen von dem Versprechen: "Hier hast du meine Hand, ich halt dich fest!"

Es gibt Menschen, die es bestätigen: Diese Hand hat mich getröstet, in der Trauer. Sie hat mich ermutigt, den verschütteten Weg zueinander wiederzufinden. Sie hat in mir Besonnenheit und Gelassenheit wachsen lassen mitten in allen Anfeindungen.

Ich wünsche allen Lesern dieses Gemeindebriefes solche Glaubenserfahrungen in ihrem Leben.

Ihr Pfarrer i.R. Sporn, Neustadt