Wie du mir, so ich dir!

Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt.

1. Petrus 3,9

Es war bei einer Kahnfahrt im Spreewald. Ich war Zeuge, wie es beim Einsteigen in das Boot bei zwei Männern zu einem Streit um den besseren Platz kam. Jeder glaubte, ihn für sich beanspruchen zu können. Keiner gab nach. Das Brisante dabei war, dass der Eine ein Berliner und der Andere ein Sachse war. Am Ende überboten sich beide gegenseitig darin, sich Schimpfworte an den Kopf zu werfen. Der Berliner brüllte: "Sie ... Sie Kaffeesachse Sie!" - Darauf der Andere: "Sie Berliner Großschnauze!!"

Erleben wir es nicht oft auch so: Einer brüllt uns an - wir brüllen wieder. Jemand schikaniert uns - wir reagieren prompt. Uns wird eins ausgewischt - wir zahlen es dem Betreffenden heim. Soll man denn alles schlucken, was uns andere antun? Nur nichts schuldig bleiben! Die Psychologen sagen, das Hinunterschlucken von erlittenem Unrecht sei noch viel schlimmer als das Abreagieren. Das ist das Prinzip der Vergeltung. Vergeltung aber hat noch nie zu etwas Gutem geführt, dafür aber umso mehr Trümmer angerichtet: in Ehen und Familien, unter Hausbewohnern, am Arbeitsplatz, sogar unter ganzen Volksgruppen und Völkern!

Jesus hat den Spruch "Wie du mir, so ich dir" nicht gelten lassen, weder in seinem eigenen Leben noch im Leben seiner Jünger.

Wenn mancher, der das liest, jetzt sagt: "Aber ich bringe das nicht fertig", dann ist das verständlich. Wir können nicht über unseren eigenen Schatten springen. Wir können nicht aus uns selbst den inneren Vergeltungszwang überwinden, das schaffen wir einfach nicht. Aber Jesus kann es in uns tun, wenn wir ihn in unser Herz aufgenommen haben.

Die Alternative zum Vergelten ist das Segnen. Segnen heißt: jemandem im Namen Gottes Gutes wünschen. Segnen heißt: von uns geht etwas Wohltuendes auf den Andern aus. Segnen geschieht nicht nur durch Worte, sondern durch eine positive und liebevolle Zuwendung zum Anderen. Er spürt das, ob die Begegnung mit uns angenehm oder abstoßend ist. Wir Christen dürfen segenbringende Menschen sein, weil wir selbst von Gott gesegnet sind. Und wie viel Segen von uns ausgeht, so viel Wert hat letztlich unser Leben.

Der Kirchenvater Augustin sagt:
Gutes mit Bösem vergelten ist teuflisch.
Gutes mit Gutem und Böses mit Bösem vergelten ist menschlich.
Aber Böses mit Gutem vergelten ist göttlich.

Mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen!

Ihr Pfarrer i.R. Helfried Gneuß