Jesu Bruder und Schwester

Es geht um eine Provokation! Jesus hat, wie es scheint, gern einmal die Leute vor den Kopf gestoßen. Einmal lobte er einen betrügerischen Verwalter und stellte ihn als Vorbild hin (Lukas 16), ein anderes Mal übte er sich in Sachbeschädigung, indem er die Tische der Geldwechsler im Tempel umwarf (Markus 11). Ein weiteres Mal stellte er seinen Zuhörern die Frage, wer denn eigentlich seine Mutter sei. In den Zusammenhang der letztgenannten Begebenheit gehört der Monatsspruch für Juli:

Jesus Christus spricht:

Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Markus 3,35

Als Jesus mit einigen Zuhörern beieinander saß, erschienen seine Mutter und seine Brüder, blieben aber draußen vor der Tür stehen. Das wird vom Evangelisten zweimal betont, offenbar um die Kluft zwischen Jesus und seinen Angehörigen zu verdeutlichen. Wenige Verse zuvor steht sogar, dass Jesu Verwandte ihn für verrückt hielten.

Die genaueren Hintergründe kennen wir nicht, eines wird jedoch deutlich: Jesus erteilt seiner Familie eine Abfuhr, und er sagt, dass seine eigentlichen Verwandten diejenigen seien, die seine Worte aufnehmen und die den Willen Gottes tun.

Wichtig für das Verständnis dieser und anderer Provokationen Jesu ist, dass sie nicht in erster Linie zur Nachahmung, sondern zum Nachdenken dienen sollen. Jesus will keine Familien zerstören. Wer in einer Familie lebt, ist von Gott in diese Familie hineingestellt und darf sie nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Jesus geht es um etwas anderes: um die Prioritäten. Alle menschlichen Bindungen (und dazu gehört nicht nur die Familie) ordnet Jesus der Beziehung zu Gott unter. Nicht, um diese Bindungen abzuwerten, sondern gerade um sie zu stärken. Denn wo sie absolut gesetzt werden, da können sie zerstörerische Kraft entfalten. Wo menschliche Beziehungen aber Gott untergeordnet werden, da gewinnen sie Stärke.

Familie und Gemeinde sollen keine Gegensätze sein. Vielmehr gehört die kleine Familie in die große "Familie Gottes" hinein, auch wenn das Verhältnis mitunter spannungsvoll sein wird. Auf der anderen Seite gilt: Gemeinde kann bestimmte Funktionen der Familie übernehmen, die Familie aber nicht ersetzen. Das sollten wir bedenken, gerade dort, wo vielleicht nur ein Teil der Familie mit Gott lebt. Familie ist eine Gabe Gottes, die Dank und Pflege verdient.

Fazit: Eine Familie haben ist gut, aber noch besser sind zwei. Übrigens die zweite steht auch für Singles offen. Schöne Ferien wünscht Ihnen Ihr

Pfr. Dr. Thomas Knittel