Gastfrei zu sein, vergesst nicht

Gastfrei zu sein, vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

Hebräer 13,2

Ein junger Mann mit langen Haaren und Nickelbrille steht am Straßenrand und hält den Daumen in den Wind. Ein Tramper. Würden Sie anhalten? Der gleiche junge Mann klingelt an Ihrer Wohnungstür. "Wäre es möglich, dass ich bei Ihnen irgendwo übernachten könnte?" Würden Sie ihn einlassen? Der Monatsspruch für den April ruft in mir Erinnerungen an vergangene Zeiten wach. Per Anhalter bin ich mit Freunden oder allein durch die damalige DDR oder auch bis hinunter nach Ungarn gereist. Manchmal haben wir unter freiem Himmel übernachtet, manchmal auch bei völlig fremden Menschen. Einer bekam sogar Krach mit seiner Frau, weil er meinen Freund und mich reingelassen hatte.

Ohne groß darüber nachzudenken haben wir damals die Gastfreundschaft anderer in Anspruch genommen. Irgendein Quartier gab es immer, und irgendein Gefährt hat uns auch immer an das Ziel gebracht. Erst in der Erinnerung merke ich, wie wenig selbstverständlich das damals war, wenn uns jemand aufgenommen hat. Es erforderte Mut und brachte für die Gastgeber wohl auch manche Einschränkung mit sich.

Nein, Engel waren wir nicht (und wir wurden sicher auch nicht als solche angesehen). Aber wir haben Gastfreundschaft erlebt, ganz spontan. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto größer wird mein Respekt vor diesen Menschen, die uns ihre Tür öffneten. Und ich frage mich, wie offen bin ich für Fremde an meiner Tür? Fühle ich mich von ihnen gestört, oder lasse ich mich auf sie ein?

Nun, die Bedenken sind ja nicht grundlos. Ab und an mag vielleicht ein Engel darunter sein, gut und schön. Aber was ist mit den anderen, die gerade stören oder nur mein Tafelsilber wollen? Besuch passt jetzt nicht, und überdies ist im Allgemeinen Vorsicht geboten. Da könnte ja jeder kommen und klingeln. Und doch, die Frage bleibt: Wie offen bin ich für Fremde? Denn Gastfreundschaft gehört zu den christlichen Tugenden. Sie ist Ausdruck gelebter Nächstenliebe. Und sie ist für den Gastgeber ein Gewinn. Könnte es nicht sein, dass sich aus dem Gespräch mit dem Fremden neue Einsichten ergeben und dass somit beide Seiten etwas hinzugewinnen, der Gast und der Gastgeber gleichermaßen?

Wie Sie diesem Gemeindebrief entnehmen können, wollen wir in diesem Monat mit einer Themenreihe über Grundwerte unseres Gemeindelebens beginnen. Der April steht unter dem Thema: "Einladende Gemeinde", das passt sehr gut mit dem Monatsspruch zusammen. Ich möchte darum mit zwei Fragen schließen: wie gastfreundlich sind wir als Gemeinde, und wie gastfreundlich wollen wir werden?

Wir sollten darüber ins Gespräch kommen. Mit den besten Segenswünschen für den neuen Monat grüßt Sie

Ihr Pfarrer z.A. Dr. Thomas Knittel