Jesus auf der Anklagebank

Jesus Christus spricht: Ihr urteilt, wie Menschen urteilen, ich urteile über keinen.

Johannes 8,15

Dieser Bibelvers für den Monat August will und soll uns durch die beiden Urlaubsmonate begleiten. „Jesus auf der Anklagebank“, so könnte man als Überschrift über diesen und viele andere Abschnitte aus dem Johannesevangelium schreiben. Die religiösen und auch gesellschaftlichen Führer der damaligen Zeit, die Pharisäer, hatten etwas gegen Jesus. Und das hatte seinen Grund: Jesus zeichnete durch seine Predigten, aber vor allem durch sein Handeln, ein anderes Gottesbild als sie. Und dazu behauptete er auch noch, er sei der Sohn Gottes.

Das eigentliche Problem der Pharisäer ist: sie haben ein Urteil gefällt über Jesus. Urteil heißt in diesem Fall, sie haben ihn verurteilt. Er ist in ihren Augen, nach ihren Erkenntnissen ein Gotteslästerer. Das wird Jesus später den Tod bringen. Angefangen hat es aber, dass sie Jesus in ihrem Herzen verurteilten. Sie hatten sozusagen ein Vorurteil. Wie schnell haben wir Vorurteile? Das fängt bei den Verantwortlichen in der Politik an – „Denen geht es doch nur um das eigene Ansehen. Die haben doch keine Ahnung …“ – und das geht weiter in der Gemeinde und das geht bis zu unseren Nachbarn.

Wie schnell Vorurteile unsere Leben vergiften, zeigt eine kleine Geschichte: Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Also beschließt unser Mann, zum Nachbarn zu gehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: „Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgetäuscht, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht's mir wirklich. Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er "Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Behalten Sie ihren Hammer, Sie Rüpel!"

Und in diesem Zusammenhang trifft uns nun dieser Vers aus dem Johannesevangelium. Jesus hatte gerade einer Ehebrecherin ein zweites Leben geschenkt. Und dieser Zusammenhang macht deutlich, worum es Jesus geht mit seinem Kommen auf die Welt: Nicht vorurteilen und aburteilen, sondern retten. Nicht richten, sondern retten. Und genau das sollte unsere Lebensdevise sein: Nicht über andere im Herzen ein Vorurteil sprechen, sondern für andere eintreten, ihnen den Rettungsanker zuwerfen, für sie beten, ihnen Gutes tun. Die beiden Monate Juli und August können unser Trainingslager dafür sein.

Pfarrer i.R. Volkmar Körner