Öffne deinen Mund für den Stummen

Gerade habe ich mich niedergesetzt, um die Andacht zum Monatsspruch zu schreiben, jenes Wort, das einst der junge Regent Lemuel von seiner Mutter als guten Rat für seinen Lebensweg bekam (Sprüche 31,8):

Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen!

In dem selben Augenblick erscheint neben mir auf dem Bildschirm folgende Pressemitteilung: Vorgestern abend (7. April 2013) wurde in Kairo die koptische Sankt-Markus-Kathedrale während des Gottesdienstes von einem muslimischen Mob stundenlang mit Steinen, Molotow-Cocktails und Schüssen traktiert, während drinnen im Gotteshaus ein Gedenkgottesdienst für acht Christen der Gemeinde stattfand, die drei Tage zuvor von Muslimen brutal ermordet worden waren. Sie starben, weil Muslime damit Rache an einem gesamten christlichen Stadtviertel üben wollten. Was war dafür der Grund gewesen?

In einem Vorort von Kairo, Al Khousous, war ein christlicher Mann dazugekommen, als ein Muslim gerade dabei war, ein christliches Mädchen zu entführen und zu vergewaltigen. Er stellte sich dem Entführer entgegen, denn sehr wahrscheinlich wäre das Mädchen bei einer erfolgreichen Entführung nie wieder zu ihrer Familie zurückgekehrt. Es kam zu einem Faustkampf. Wenige Stunden nach dem Vorfall, bei dem der muslimische Mann lebensgefährlich verletzt wurde, kamen Schreie der Rache unter der muslimischen Bevölkerung auf, muslimische Gruppen griffen eine Kirche an und setzten sie in Brand. Auch Häuser und Geschäfte von Christen wurden zerstört und geplündert. Zeugen versuchten, die Polizei zu alarmieren, die jedoch erst Stunden später erschien. Inzwischen waren acht Christen und ein Muslim zu Tode gekommen. -

Eigentlich wollte ich ja jetzt von den „Schwachen“ und „Stummen“ hierzulande schreiben: Von den vielen Ungeborenen zum Beispiel, die keinen haben, der ihnen das Recht, zu leben, zugesteht, während für Kröten und Frösche alles getan wird, damit ihr Leben nicht gefährdet ist. Von all jenen, die zu schwach sind, bei Ämtern und Behörden ihr Recht durchzusetzen und die keinen Anwalt haben, der ihnen da beisteht. Ich wollte schreiben von solchen, die „stumm“ geworden sind auf Grund von Unterdrückung, Mobbing und tragischen Erfahrungen. Von den „Schwachen“, die auf Grund von Alter oder Behinderung nicht mehr imstande sind, mit den täglichen Herausforderungen klarzukommen. Ich wollte eigentlich auch schreiben von den Tausenden, die alljährlich in China ohne Recht und Gesetz hingerichtet werden (darunter viele um ihres Glaubens willen), für die keiner eintritt und denen anschließend ihre Organe entnommen und auf dem weltgrößten Markt für Handel mit menschlichen Organen verkauft werden. Ich wollte andererseits lobend den Dienst von Betreuern und Selbsthilfegruppen erwähnen, aber auch die Leistung von sozialen Hilfswerken in den Entwicklungs- und Katastrophenländern, bis hin zur Arbeit von „Amnesty international“. Das alles ist ja praktische Umsetzung dieses Bibelwortes.

Aber jetzt lenkt Gott mit dieser Pressemitteilung unseren Blick woanders hin: auf die vielen verfolgten Christen in der Welt! So also sieht für sie in Ägypten der einst viel gepriesene „Arabische Frühling“ aus, in dem Land, das von dem „christlichen“ Amerika alljährlich Milliarden Dollar Unterstützung erhält! Rund 100 Millionen Christen werden laut „Open Doors“ heute weltweit verfolgt. Meist haben wir hier in Europa davon kaum eine Ahnung, ihre stummen Schreie verhallen ungehört in der Welt! Am 21. März erreichte uns aus einem Dorf in Pakistan die Nachricht, dass aufgebrachte Muslime dort fast 200 christliche Häuser niedergebrannt und damit um die 400 christlichen Familien obdachlos gemacht haben. Dabei stehen Pakistan und Ägypten in der Liste der Länder, wo Christen am stärksten verfolgten werden in der Welt, erst an 14. bzw. 25. Stelle, also weit hinter Nordkorea, Saudi-Arabien, Afghanistan, Irak und Iran! Unsere Kirchenoberen äußern sich kaum zu diesem ganzen Thema - wohl, um nicht etwa hier lebende Muslime zu verärgern. Sie möchten in unserem Land Muslimen gegenüber Toleranz und interreligiösen Dialog bieten. In jenen Ländern dagegen herrscht Christen gegenüber absolute Intoleranz! Angela Merkel – das muss man ihr lassen! - ist diejenige, die bei Besuchen in solchen Ländern stets bei den Regierenden Religionsfreiheit für die dort lebenden Christen anmahnt! Wie weit sie damit Erfolg hat, steht auf einem anderen Blatt! Aber sie nutzt ihre Möglichkeiten, für die bedrängten Christen einzutreten!

„Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen“ – dieses Wort will uns heute die Situation jener Glaubensgeschwister bewusst machen, deren Schicksal hier viel zu wenig wahrgenommen wird. Gleichzeitig merken wir, wie wenig Möglichkeiten wir tatsächlich haben, um für sie einzutreten. Abgesehen davon, dass man ab und zu eine Petition mit unterzeichnen kann, in der bei Regierungen solcher Länder für Einzelne um Freilassung und Begnadigung ersucht wird, können wir aber vor allem eins: unseren Mund gegenüber unserem himmlischen Vater öffnen und für die Christen in diesen Ländern bitten. Das sollte uns ein wichtiges Anliegen sein!

Mit herzlichen Grüßen!

Euer Pfarrer Helfried Gneuß