Einer in Christus

Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus.

Galater 3,28

Dieser Vers wird oftmals so verstanden und angewendet, als würde hier Paulus alle Menschen in ihrer sozialen und gesellschaftlichen Stellung gleich machen. Ein kürzlich erschienenes Video mit dem Titel „Eine Tür ist genug“ führt genau diesen Gedanken konsequent fort. Die Evangelischen Frauen in Deutschland e.V. und die Männerarbeit der Ev. Kirche in Deutschland haben diesen Kurzfilm mit Unterstützung der EKD erstellt. Der Titel „Eine Tür ist genug“ bezieht sich dort auf den Gebrauch von öffentlichen Toiletten und von dieser Perspektive aus wird der Bogen zur Eingangstür einer Kirche gespannt. Dieser Film wirbt für ein völliges Gleichmachen aller Menschen bis zur letzten Konsequenz.

Ist das wirklich das Anliegen dieses Verses? Um das zu beantworten, möchte ich die Aufmerksamkeit des Lesers auf das erste Wort lenken, das Paulus dann noch zweimal wiederholt. Hier ist nicht … hier ist nicht … hier ist nicht …

Hier ist nicht Jude noch Grieche ... Warum setzt er dieses Wort jedes mal vor seine Aussage? Er will damit eine nähere Angabe zu dem Umstand machen, den er jeweils beschreibt.

Das HIER beschreibt eine Orts- und Zustandsangabe. Welcher Ort/Zustand ist gemeint? Es gibt eine sichtbare- und eine unsichtbare Gestalt der Gemeinde. Das ist ein Ort und ein Zustand zugleich.

Die sichtbare Gemeinde äußert sich bis heute in Unterschieden des Geschlechts und der Herkunft, der Kirchenzugehörigkeit oder der Ämter und der Rollen in Gesellschaft und Familie. Dann gibt es noch den unsichtbaren Teil der Gemeinde. Dort bilden alle mit Christus einen Leib, der aus verschiedenen Gliedern besteht. Doch selbst hier finden wir noch Unterschiede. Der Hauptunterschied, das Haupt dieses Leibes ist Jesus selbst. Jeder einzelne Christ ist ein Glied an diesem Leib mit unterschiedlichen Aufgaben und Verantwortungen. Wenn Paulus dieses Bild im Epheserbrief (Epheser 4,15-16) verwendet, geht er auf diese spezielle Funktion der einzelnen Glieder ein. Genau das tut er aber hier im Galaterbrief nicht. Es wäre, als würde er eine Perspektive weit außerhalb dieses Leibes einnehmen und ihn aus der Ferne betrachten. So weit weg, dass man nur noch eine Person im Ganzen wahrnimmt. Denn die Aussage: „…denn ihr seid allesamt einer in Christus“, lässt jede Einzelheit des Leibes zu einem Ganzen verschmelzen. Dort, in dieser unsichtbaren Realität des Leibes Christi und nur aus dieser Perspektive gibt es keine Unterschiede mehr! Nur hier ist nicht …

Paulus hat seinen Lesern für einen Augenblick eine Sichtweise auf ihre Person und damit auf ihre Stellung in Christus und vor Gott eröffnet, die sie mit Sicherheit bis dahin niemals in Betracht gezogen hatten. Kann man das noch steigern? Jetzt mussten sie einfach begreifen, dass sie keine Beschneidung brauchen, um Anteil an allen Segnungen zu bekommen, die Gott für sie durch den Glauben an Christus bereit hält. Sie sind Kinder und Erben durch Gott. Den Galatern musste einfach klar werden, dass ihnen bereits alles geschenkt wurde, was Gott nur geben kann.

Nebenbei erkennen wir, wie weit hergeholt es ist, aus diesem Vers eine Gleichmacherei aller Unterschiede der Menschen abzuleiten.

Ich, für meinen Teil, bin sehr froh, dass es noch „zwei Türen“ gibt.

Ihr Lutz Heidrich