Dass die Liebe immer mehr überströme

Paulus schreibt: Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung.

Philipper 1,9

Liebe Leser,

„Gott ist die Liebe“, schreibt der Apostel Johannes in seinem 1. Brief, Kap. 4 (1. Johannes 1,4). Für mich ist das eine Spitzenaussage über Gott. Gott ist die vollkommene Liebe in Person. Er ist die Quelle aller Liebe. Von ihm geht alle Liebe in der Welt aus. Weil er Liebe ist, darum hat er sich in seinem Sohn für uns aufgeopfert. Die Bibel erzählt die Liebesgeschichte von Gott zu uns. Gottes Liebe hat uns zu Gottes Kindern gemacht. Gottes Liebe hat aus Gott und uns eine Familie gemacht. Es ist die Gemeinde der Christen. Gottes Liebe ist das Band, das uns mit ihm und untereinander zusammen hält.

Liebe ist das, was die Gemeinde bestimmt und prägt. Diese Liebe muss sich im Umgang miteinander zeigen und auch im Umgang mit Mitmenschen, die nicht zur Gemeinde gehören. Denn in der Liebe, die wir anderen gegenüber haben, zeigt sich, ob Christus in unserer Gemeinde regiert, oder wir selbst regieren.

Paulus ist bei seiner Forderung an die Gemeinde, dass die Liebe in ihr wächst und alles beherrscht, kompromisslos. Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde …

Genauer übersetzt steht da: dass die Liebe immer mehr überströme. Bei der Liebe erwartet Paulus von uns als Gemeinde, dass wir vollkommen sein sollen. Die Liebe soll unter uns vollkommen sein. Sonst müssen wir nicht vollkommen sein, weder als einzelne Christen, noch als ganze Gemeinde. Viele unter uns legen großen Wert darauf, dass wir die Bibel gut kennen und nach ihr leben. Vielen von uns ist hohe Erkenntnis der biblischen Wahrheit wichtig. Das ist gut, wenn wir uns darum bemühen. Aber Paulus schreibt dazu an anderer Stelle: Unser Wissen ist Stückwerk (1. Korinther 13,9). Und unser Wissen, auch unsere Schrifterkenntnis und wie man in richtiger Weise nach ihr lebt, bleibt Stückwerk, begrenzt, selektiv. Damit kann Paulus leben. Aber unsere Liebe in der Gemeinde soll nicht Stückwerk bleiben, sondern vollkommen werden, überfließen. Menschen fühlen sich dort hingezogen und wohl, wo sie spüren, dass die Liebe regiert. Paulus schreibt, die Liebe soll sich ausdrücken in „Erkenntnis und aller Erfahrung“. Mit „Erkenntnis“ meint er, dass ich den Mitmenschen erkennen kann, erkennen was er braucht, wo er seine Not hat, auch wo er in der Gefahr steht, zu Schaden zu kommen, dass ich erkenne, welche Motive und Gründe ihn treiben, so zu sein und zu reagieren, wie ich es an ihm erlebe. Liebe öffnet mir die Augen für den anderen, dass ich ihn wahrnehme. Und „Erfahrung“: Der Begriff im Urtext ist besser zu übersetzen mit „Empfindung“ oder „Feingefühl“ - dass ich die richtige Weise finde, mit dem anderen umzugehen, auch in rechter, für ihn hilfreicher Weise mit ihm umzugehen, wenn er sich schuldig gemacht hat.

Paulus betet für die Gemeinde darum, dass sie vollkommen wird in der Liebe. Denn dann ist auch Christus in ihr vollkommen. Die Liebe, wie sehr sie in der Gemeinde gelebt wird, ist der Seismograph dafür, wie weit Christus in der Gemeinde präsent ist und wie bereitwillig die Gemeinde wirklich Christus nachfolgen will.

Paulus betet darum: Denn ich kann nicht von anderen fordern, dass sie mehr Liebe haben. Ich kann nur bei mir selber anfangen - und Christus bitten, dass er mich vollkommen liebesfähig macht. Ich kann nicht von einem anderen erwarten, dass er liebevoller mit mir umgeht. Ich kann nur Gott bitten, mich zu verändern, dass ich mit anderen liebevoll umgehen kann, egal, wie sie mit mir umgegangen sind. Liebe kommt von Gott, geht in mich hinein und verbreitet sich durch mich.

Es grüßt Sie herzlich Ihr Pfarrer Eckehard Graubner