Vergesst die Gastfreundschaft nicht

Vergesst die Gastfreundschaft nicht, denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.

Hebräer 13,2

Tatsächlich gibt es Beispiele in der Bibel, in denen Menschen Engel beherbergt haben.

Mir fällt dabei sofort die Geschichte von Lot ein, wie er im Tor von Sodom sitzt und die zwei fremden Männer nötigt, in sein Haus einzukehren. Eine dramatische und für alle Beteiligten folgenschwere Geschichte. Lot und seine Familie haben sicher nicht sofort erkannt, dass sie es mit Engeln zu tun hatten.

Gastfreundschaft ist ein sehr hohes Gut. In unserem Vers werden die Hebräer daran erinnert, die Gastfreundschaft nicht zu vernachlässigen. Aus dem Textzusammenhang wird deutlich, dass die Christen damals unter einer Verfolgungssituation lebten. Da stand die Frage im Raum: Wem kann ich trauen? Wer ist ein Spitzel? Unter solchen Umständen kann Gastfreundschaft böse enden.

Unser Text macht seine Leser aber trotzdem auf die Wichtigkeit der Gastfreundschaft aufmerksam. Ruft er damit zu Leichtsinn und Naivität auf und rechnet er wirklich damit, dass Engel uns besuchen werden? Ich glaube nicht!

Was könnte dann der Sinn dieser Bemerkung mit den beherbergten Engeln sein? Es wäre eine merkwürdige Motivation für Gastfreundschaft, wenn man darauf hofft, einmal dadurch einem Engel zu begegnen.

Ich denke viel mehr, dass der Schreiber dieses Briefes damit andeuten will, dass wir oft nicht abschätzen können, wie weitreichend eine Tat der Barmherzigkeit sein kann. Für die Personen in der Bibel, die das erleben durften, hatten diese Begebenheiten jedes Mal weitreichende Folgen: Abraham und Sarah, Lot und seine Töchter, Gideon, Manoach und seine Frau.

Gott gebraucht Gastfreundschaft, um Dinge ins Rollen zu bringen, die wir nie geahnt hätten. Vieles davon erkennt man erst im Rückblick.

Ich glaube, mancher von uns könnte an dieser Stelle eigene Beispiele berichten. Ich las vor längerer Zeit eine kleine Begebenheit, die dazu passt. Sie ist nachzulesen in dem Buch: „John Hyde - Apostel des Gebetes“.

John Hyde lebte als Missionar um 1900 in Indien. Sein Einfluss erregte den Ärger unter den Hindu-Priestern in der Region Pandschab.

Zu viele Hindus wurden durch diesen Mann Christen. So trat der oberste Rat der Priester zusammen, um einen Mann auszuwählen, der vorgeben sollte, sich für den christlichen Glauben zu interessieren - mit dem Zweck, alle Fehler des Missionars auszukundschaften, um sie später öffentlich gegen Hyde zu verwenden.

Hyde nahm diesen Mann einige Tage in sein Haus auf, um ihm die Gelegenheit zu geben, alles über das Christentum zu erfahren. Dieser Spitzel berichtet später seinen Auftraggebern: „Dieser Mann ist ein Gott! Er hat keine Fehler! Dieser Mann muss ein Gott sein, kein Mensch!“

Welchen Eindruck wird dieses Zeugnis auf die Hindu-Priester gemacht haben? Wir erfahren in diesem Fall nicht, wie es weiter gegangen ist.

Oder denken wir an Corrie ten Boom. Ihr Vater hatte ein Uhrmachergeschäft in Holland. Als die Nazis auch dort die Juden verfolgten, nahm die Familie ten Boom viele Juden auf. Ihre Gastfreundschaft brachte sie selbst schließlich ins KZ.

Doch welcher Segen ist aus dieser Tat der Barmherzigkeit erwachsen. Vielen Juden wurde das Leben gerettet und nach dem Krieg gründete Corrie ten Boom Rehabilitationszentren für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und setzte sich für die Versöhnung zwischen Opfern und Tätern ein.

Von der Königin der Niederlande wurde sie in Anerkennung ihres selbstlosen Einsatzes während des Zweiten Weltkriegs zum Ritter geschlagen.

Auch in Falkenstein gibt es Beispiele für solchen Mut zur Hilfe. Den Falkensteinern ist das abgebildete Haus sicher bekannt.

Dort ist eine Tafel angebracht, die an so eine Tat erinnert: Vom 07. März bis zum 03. April 1945 konnten sich Prof. Victor Klemperer und seine Frau mit Hilfe des Apothekers Dr. Scherner eine Zeit lang vor der Verfolgung der Nazis verbergen.

Lutz Heidrich

Marien-Apotheke, Oelsnitzer Str. 2, Falkenstein Gedenktafel: „Ich will Zeugnis ablegen...“ Prof. Dr. Victor Klemperer 1881-1960 Fand März/April 1945 Asyl in der Marien-Apotheke, gewährt durch Dr. H. Scherner und Frau