Nimmersatt oder Solidarität

Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden. Darum mache ich dir zur Pflicht: Du sollst deinem Not leidenden und armen Bruder, der in deinem Land lebt, deine Hand öffnen.

5. Mose 15, 11

Nimmersatt ist bis 1945 der nördlichste Ort Deutschlands gewesen. Obwohl der Name anders entstanden ist, hat er für einen Ort an dieser Stelle fast einen symbolischen Wert: Konnten wir Deutschen nicht genug bekommen?

Das Wort Solidarität ist abgeleitet vom lateinischen solidus und steht für gediegen, echt oder fest. Ein Zustand, eine Atmosphäre, wo Menschen sich aufeinander verlassen können. Eine solide Beziehung.

Welches ist unsere Haltung heute in unserer Gesellschaft, in unserer Welt? Sind wir die, die den Hals nicht voll kriegen können? Ist es nur die Gier, der Konsum und der Sozialneid, der Menschen antreibt? Oder gibt es noch Solidarität, aufeinander achten, zueinander stehen? Vielleicht sind wir mittendrin und hin- und hergerissen; vielleicht auch abhängig davon, wie es uns selber gerade so geht.

Eine Gesellschaft lebt davon, dass auch sozial, mitmenschlich gedacht, gehandelt und empfunden wird. Das zeigen auch die Gesetze im alttestamentlichen Gottesvolk von vor über 3000 Jahren. Da geht es um regelmäßigen Schuldenerlass. Darum, dass trotzdem gerne geliehen wird, wenn Leute etwas brauchen zum Leben und Arbeiten. Und darum, dass Arme nicht noch ärmer werden.

In unserer Gesellschaft ist vieles geregelt. Sozialsysteme und Versicherungen greifen. Wir leben im Weltmaßstab gesehen in einem reichen Land. In einem schönen Land. In einem Land mit einer wertvollen Geschichte. Viel Gutes wurde entdeckt, erwirtschaftet und bewerkstelligt in diesem Land. Auch Fehler wurden gemacht in der Geschichte unseres Landes – Fehler aus denen wir lernen können. Viele wunderbare und wunderbar verschiedene Menschen leben in diesem Land – Menschen mit vielen Begabungen. Dieses Land bietet uns Entwicklungsmöglichkeiten. Es ist ein Geschenk. Und in diesem deinen Land lebt auch dein notleidender und armer Bruder, deine Eltern, deine Familie, dein Nachbar, dein Mitbürger. Wer braucht meine Hilfe? Was kann ich mit gutem Herzen geben? Vielleicht kann auch für uns heute diese 3000 Jahre alte Verpflichtung ein Anstoß sein die Hände zu öffnen. Solidarität zu üben statt nimmersatt zu sein. Etwas beizutragen zu soliden Beziehungen.

Karsten Hellwig
Prediger der Landeskirchlichen Gemeinschaft Falkenstein
Falkensteiner Anzeiger, 28.01.2010