Kinder Gottes

"Endlich 18! Tun und lassen können, was ich will! Abends weggehen, solange ich möchte!" Erinnern Sie sich noch daran?

Erwachsensein bedeutet Freiheit und auch Verantwortung. Und es ist ein gutes Gefühl, mündig und selbständig zu sein. Hört aber damit eigentlich die Kindheit auf? Nein, im Grunde bleibe ich Kind meines Vaters und meiner Mutter; und wohl dem, der auch als Erwachsener seine Eltern als Ratgeber (und vielleicht sogar als Freunde!) hat.

In der Bibel werden wir Christen manchmal als "Kinder Gottes" bezeichnet, und so auch im Monatsspruch für Mai, einem Vers aus dem Brief des Paulus an die Galater:

Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.

Galater 3,26

Der Zusammenhang dieses Satzes macht deutlich: Paulus denkt dabei nicht an Kleinkinder, sondern an Erwachsene. Kleinkinder sind nicht mündig, sondern auf Erzieher angewiesen. Ein solcher Erzieher ist für Paulus das Gesetz, womit er die gesamten Gebote des Alten Testaments meint. Erzieher haben ihre Aufgabe, aber auch ihre Grenzen, weil das Kind irgendwann zu einem mündigen Menschen werden soll. Das unmündige Kind wird manches schlicht aus dem Grunde tun, weil es seine "Erzieher" so gesagt haben. Wenn es erwachsen wird, begreift es (hoffentlich) selbst den Sinn, der dahinter steckt. Ja, und vielleicht wird es mit manchen Lehren auch in einer gewissen Freiheit umgehen, weil es ja nicht um den Buchstaben geht (Keine Streichhölzer in die Hand nehmen!), sondern um den Sinn des Buchstabens (Gehe nicht unachtsam mit Brandgefahren um!). Das erwachsene Kind befolgt die Mahnungen der Eltern nicht aus Buchstabengläubigkeit, sondern aus freier Einsicht. (Soweit jedenfalls das Ideal!) Es muss seinen Eltern nichts beweisen, noch sie irgendwie zufriedenstellen, weil es weiß: nicht durch meinen Gehorsam bin ich in den Augen meiner Eltern besonders wertvoll, sondern weil ich ihr Kind bin.

Christen sind erwachsene Kinder Gottes. Sie erlangen ihre Anerkennung nicht durch die Befolgung von Vorschriften, vielmehr wissen sie: ich bin geliebt, wie ich bin. Die Gebote sind dann keine Lehrervorschriften, sondern Hilfen zum Leben. Sie sind für den Menschen da, nicht der Mensch für die Gebote. Jesus ist nicht müde geworden, das deutlich zu machen. Die Gemeinde Jesu Christi darf darum auch niemals eine Art "Regulierungsbehörde" sein.

Eine Frage ist freilich nun zu stellen: Wie werde ich eigentlich ein solches erwachsenes Kind Gottes? Die Antwort ist einfach und schwer zugleich. Sie lautet: durch den Glauben. Indem ich's annehme! Gott bietet mir eine Gemeinschaft an, wie sie vertrauter und inniger nicht sein könnte: Vater und Kind. Glauben heißt: ich bin dabei! Ich will die Kindschaft annehmen. Es gibt doch nichts besseres, als einen Vater zu haben, der weiter blickt als ich, der mir guten Rat gibt und manche schwierige Entscheidung mitträgt. Dieser Vater macht mich aber nicht unmündig, sondern frei. Mit ihm an meiner Seite brauche ich schwere Etappen nicht zu fürchten. Ich trage manches an Verantwortung, aber werde davon doch nicht erdrückt. Ich darf entscheiden, weiß aber, dass ich dabei nicht allein bin.

Erwachsen und doch Kind! Gibt es eine bessere Konstellation für mein Leben? Schwer ist es aber doch, sie anzunehmen, weil da immer wieder dieser Verdacht nagt: wäre es nicht besser, selbst der Vater zu sein? Manchmal probiere ich's tatsächlich aus, und breche damit ein. Wenn manche Pläne in meinem Leben nicht so in Erfüllung gehen, wie ich es dachte, dann liegt das nicht daran, dass Gott mir eins auswischen will. Eher an der Selbstüberschätzung: ich kann's allein! Besser ist es, Kind zu sein und zu bleiben. Es ist keine Einbuße, sondern ein Zugewinn an Freiheit. Sind sie dabei?

Herzlich grüßt Sie Ihr Pfarrer Thomas Knittel.